Betriebsratschef von Thyssenkrupp wird Personalvorstand

Die IG Metall und die Kapitalvertreter beschleunigen zurzeit das Filetieren von Thyssenkrupp. Gewinnträchtige Teile werden verkauft oder an die Börse gebracht, verlustbringende Teile abgewickelt und geschlossen. Das hat für die Beschäftigten einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen zur Folge.

Aktion der IG Metall am 14. Juni in Duisburg, um Subventionen für Thyssenkrupp zu fordern

Die beteiligten Spitzen von Gewerkschaft und Betriebsrat ziehen daraus ihren persönlichen Profit. Neuester Fall ist der Noch-Betriebsratschef des Gesamtkonzerns, Dirk Sievers. Zum 1. Juli übernimmt er den Posten des Personalvorstands bei der Thyssenkrupp-Tochter Rasselstein in Andernach. Der Hersteller von Weißblech zählt zu den rentabelsten Geschäftseinheiten von Thyssenkrupp.

Sievers vervielfacht somit auf einen Schlag sein sechsstelliges Betriebsratsgehalt und gesellt sich zu dem erlauchten Kreis ehemaliger Gewerkschafter, die zu Einkommensmillionären werden.

Der 52-jährige Sievers begann vor mehr als 35 Jahren bei einem der Vorläuferunternehmen des heutigen Stahl- und Industriegüterkonzerns, den Stahlwerken Bochum, zu arbeiten. Seit 2010 war er Mitglied des Konzernbetriebsrats, 2018 übernahm er den Vorsitz vom langjährigen Vorgänger Willi Segerath. Im letzten Jahr ließ sich Sievers für weitere vier Jahre zum Vorsitzenden wählen.

Als er 2018 als Chef des Betriebsrates antrat, beschäftigte Thyssenkrupp weltweit noch fast 160.000 Mitarbeiter. Inzwischen ist diese Zahl unter Sievers unter 100.000 geschrumpft. 2020 wurde die hochprofitable Aufzugssparte für 17,2 Milliarden Euro an internationale Finanzinvestoren sowie an die Steinkohle-Stiftung RAG verkauft. Die Aufzugssparte beschäftigte weltweit rund 54.000 Menschen, davon 5000 in Deutschland.

Das Grobblech-Werk in Duisburg mit zuletzt 800 Arbeitsplätzen wurde stillgelegt. Sievers behauptete in einem Brief an die Belegschaften, ihm sei kein einziger Fall einer betriebsbedingten Kündigung im Zuge der vereinbarten Umstrukturierungen bekannt. In der Stahlindustrie und im Bergbau gab es noch nie „betriebsbedingte Kündigungen“, trotzdem ist der Kohlbergbau Geschichte und in der Stahlindustrie sind Hundertausende Arbeitsplätze vernichtet worden.

Sievers behauptet, es sei ihm „nicht leichtgefallen“, als Betriebsratschef und Mitglied des Thyssenkrupp-Aufsichtsrats „Unternehmensverkäufen, Personalabbau und sogar Betriebsschließungen“ zuzustimmen. Das dürfte nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Sievers weiß, dass sich Gewerkschafts- und Betriebsratsfunktionäre, die sich in Krisenzeiten „bewähren“, also „Unternehmensverkäufen, Personalabbau und sogar Betriebsschließungen“ zustimmen, am Ende belohnt werden. Denn im Rahmen der Montanmitbestimmung obliegt es der Gewerkschaft, über die Besetzung des „Arbeitsdirektors“ zu bestimmen.

In großen Konzernen wie Thyssenkrupp ist der Posten des Personalvorstands mit Millionengehältern verbunden. Legendär ist der ehemalige Arbeitsdirektor von Thyssenkrupp Stahl, Dieter Kroll, vormals Betriebsratschef im Stahlbereich. Er verabschiedete sich 2012 im Alter von 53 Jahren mit der Feststellung in den Ruhestand: „Ich freue mich auf ein selbstbestimmtes Leben.“ Kroll war, wie nun Sievers, 2001 zunächst Arbeitsdirektor bei der Thyssenkrupp-Tochter Rasselstein, bevor er zwei Jahre später auf den gleichen Posten im Stahlkonzern nach Duisburg zurückkehrte.

Als Konzernbetriebsratsvorsitzender wird Sievers vom Gesamtbetriebsratschef der Stahlsparte und des größten Stahlstandorts Hamborn/Beeckerwerth, Tekin Nasikkol, abgelöst, der den Posten zusätzlich übernimmt. „Das mache Sinn“, zitiert die Lokalpresse aus Betriebsratskreisen.

Erst vor etwas mehr als zwei Jahren war der frühere IG-Metall-Sekretär und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Thyssenkrupp AG, Markus Grolms, zum Personalvorstand im Stahlbereich aufgestiegen. Grolms hatte seine Sporen gewonnen, indem er für die IG Metall 2008 das Nokia-Werk in Bochum und 2007 das BenQ-Werk in Kamp-Lintfort abwickelte.

Der größte Nutznießer dieser verschworenen Gemeinschaft aus IG Metall und Thyssenkrupp ist der aktuelle Personalvorstand des Gesamtkonzerns, Oliver Burkhard. Er war Bezirksleiter der IG Metall in NRW und ging 2013 direkt aus der Chefetage der Gewerkschaft in den Vorstand des Konzerns.

Seine dort „verdienten“ rund 5 Millionen Euro Jahresgehalt dürften sich inzwischen saftig erhöht haben. Denn er hat zusätzlich seit gut einem Jahr (1. Mai 2022) auch den Posten des Vorstandsvorsitzenden von Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) übernommen, einem der größten deutschen Rüstungskonzerne, der mit seinen 6.500 Beschäftigten auf den Bau von U-Booten spezialisiert ist.

Der ehemalige Gewerkschafter Burkhard führt gerade Gespräche mit potenziellen Partnern und Investoren, denn Thyssenkrupp will die profitable Rüstungssparte ausgliedern. Dank der massiven Aufrüstung durch Scholz’ Zeitenwende habe TKMS eine sehr gute Ausgangsposition, um in „der Selbstständigkeit“ erfolgreich sein zu können, sagte Firmensprecher Stefan Ettwig am Mittwoch der taz.

„Marine Systems ist ein Juwel, das bei Thyssenkrupp bisher allerdings etwas unter Wert lief“, sagte Burkhard im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS). Auftragsbücher und Produktionshallen seien gut gefüllt.

Die IG Metall-Vertreter im Aufsichtsrat der Thyssenkrupp AG haben ihre Zustimmung zur Abtrennung von TKMS bereits gegeben.

Auch das relativ kleine Thyssenkrupp-Tochterunternehmen Nucera soll an die Börse gebracht werden. Das Unternehmen produziert mit weltweit rund 600 Beschäftigten, die Hälfte davon in Dortmund, grünen Wasserstoff. Investoren rechnen mit großem Wachstumspotenzial bei Nucera als Technologieführer. Bereits in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2022/2023 steigerte Nucera seinen Umsatz auf 306 Millionen Euro – nach 176 Millionen Euro im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Der Börsengang Nuceras wird die erste größere Aktion des neuen Thyssenkrupp-Chefs Miguel López, der erst Anfang des Monats den Posten von Martina Merz übernommen hat. Die Aktionärs- und Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat haben den ehemaligen Siemens-Manager, der sich in Konzernkreisen einen Namen als „Sanierer“ gemacht hat, verpflichtet, um die von Merz geplante Zerschlagung des Konzerns umzusetzen.

López wolle auch zeitnah „eine Lösung“ für die Stahlsparte finden, schreibt das Handelsblatt. „Aus eigener Kraft kann der Ableger kein Geld verdienen, daher ist ein Verkauf im Moment schwer umsetzbar.“ Die Verluste in der Stahlsparte seien maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Konzern zuletzt in die roten Zahlen gerutscht sei. Daher versuche man nun den Stahlbereich ganz neu auf „grünen Stahl“ umzustellen.

Dafür verlangt das Unternehmen staatliche Gelder von der Bundesregierung. Die IG Metall steht auch hier fest an der Seite des Konzerns. Am Mittwoch hatte sie rund 12.000 Stahlarbeiter nach Duisburg geholt, um nachdrücklich die Auszahlung von 2 Milliarden Euro Subventionen an den Konzern zu fordern. Dabei geht es der IG Metall nicht um die rund 27.000 Stahlarbeitsplätze bei Thyssenkrupp. In den letzten Jahrzehnten hat sie dafür gesorgt, dass Zehntausende Jobs vernichtet wurden.

Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg haben die Verwandlung der Gewerkschaften in eine Polizei der Konzerne und der Regierung extrem beschleunigt. Die oberen Spitzen der Gewerkschaften verschmelzen geradezu mit Staat und Konzernvorständen.

Die IG Metall hat sich an der Konzertierten Aktion von Bundeskanzler Scholz beteiligt und verfolgt das Ziel, die Kosten des Kriegs gegen Russland und der gigantischen Aufrüstung der Bundeswehr auf die Arbeiterklasse abzuwälzen.

Sofort nach Beginn des Kriegs in der Ukraine stellte sich die IG Metall an die Seite der Regierung und unterstützte die massive Aufrüstung der Bundeswehr. In einer gemeinsamen Erklärung kündigten die IG Metall Baden-Württemberg und der Unternehmerverband Südwestmetall an: „Diese Maßnahmen werden uns allen Opfer abverlangen.“ Sie vereinbaren Tarifverträge, die die Realeinkommen angesichts der horrenden Preissteigerungen innerhalb weniger Jahre um 20 oder 30 Prozent senken.

Während also den Thyssenkruppbeschäftigten „Opfer abverlangt werden“ und sie um ihre Arbeitsplätze bangen müssen, stopfen sich die IGM-Funktionäre die Taschen voll, indem sie gemeinsam mit dem Vorstand den Traditionskonzern zerschlagen. Mit Burkhard ist ein ehemaliger Gewerkschafter Chef eines der größten deutschen Rüstungskonzerne.

Es wird Zeit, dass die Thyssenkrupp-Beschäftigten sich von der IG Metall befreien. Notwendig ist dazu der Aufbau von unabhängigen Aktionskomitees, die von den Arbeitern selbst kontrolliert werden. Diese Aktionskomitees müssen Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland, Europa und international gegen die Vernichtung ihrer Arbeitsplätze, Löhne und gegen den eskalierenden Krieg vereinen.

Wir rufen alle Beschäftigten von Thyssenkrupp und der anderen Stahlkonzerne auf, Kontakt mit uns aufzunehmen. Schreibt eine Whatsapp-Nachricht an die Mobilnummer +491633378340 oder registriert euch gleich über das unten folgende Formular.

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