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"Gewerkschaften, die Arbeiter und Angestellte solidarisch vereinen, gibt es nicht mehr"

Ein Angestellter des Kieler Arbeitsamtes kommentierte im Gespräch mit der neuen Arbeiterpresse das jüngste Angebot der ÖTV-Spitze zur Tarifrunde.

Ich denke, es ist verlogen, wenn die ÖTV behauptet, daß durch Arbeitszeitreduzierung und Lohnsenkung von den Unternehmen und Behörden neue Arbeitsplätze geschaffen würden. Zumindest bei uns, in der Bundesanstalt für Arbeit, existiert die Vorgabe, Jahr für Jahr zwei Prozent der Arbeitsplätze abzubauen. Das Ergebnis ist eine enorme Arbeitsverdichtung, zumal immer mehr Arbeit anfällt.

Ein anderer Aspekt ist der Wegfall der Übernahmegarantie für Auszubildende. Lehrlinge werden zwar eingestellt, verrichten aber meist für ihre Ausbildungsvergütung höher qualifizierte Tätigkeiten. Und nur etwa dreißig bis fünfzig Prozent von ihnen werden nach der Ausbildung übernommen. Außerdem wird ja der Verwaltungsaufwand in Zukunft durch neue Computerprogramme erheblich verringert werden, was eine große Anzahl von Datenkräften überflüssig macht. Bis jetzt arbeiten bei uns in Kiel noch 600 Leute. In zehn Jahren wird das Arbeitsamt halb leer sein."

Der ÖTV-Vorsitzende Herbert Mai sagt, daß im Gegenzug zu Lohnsenkung und Arbeitszeitverkürzung die Arbeitgeber tarifvertraglich verpflichtet werden müssen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, oder daß sie andernfalls, wenn sie dem nicht nachkommen, eine Ausgleichszahlung leisten müssen. Was sagst Du dazu?

"Das ist doch Quatsch. Selbst wenn wir zum Lohnverzicht für neue Arbeitsplätze bereit wären – obwohl sich das kaum noch jemand leisten kann – wer soll denn die Arbeitgeber kontrollieren? Geschweige denn, diese tarifvertraglichen Rechte durchsetzen? Die ÖTV etwa, oder die DAG, deren Mitglied ich bin? Die sind doch völlig mit den Unternehmern zusammengeschweißt. So wie die Politiker vor zig Jahren zu Handlangern der Unternehmer geworden sind, sind es die Gewerkschaftsfunktionäre heute auch. Das zeigt doch alleine schon dieses Tarifangebot. Die Bürokraten leben doch schon aufgrund ihres Einkommens fern von jeder Realität des Arbeitslebens. Mit prall gefüllten Taschen läßt es sich eben leicht und ungezwungen reden."

Bist Du der Meinung, man könnte die Gewerkschaften durch Druck von unten nach links bewegen?

"Wie denn das? Die Funktionäre haben doch das Sagen in der Gewerkschaft, und die haben beileibe kein Interesse an einer Konfrontation mit den Arbeitgebern. Gewerkschaften, die Arbeiter und Angestellte solidarisch vereinen, gibt es nicht mehr. Arbeitsrechtsschutz bekomme ich auch anderswo, und deswegen werde ich jetzt wohl aus der DAG austreten."

(Der Name des Angestellten ist der Redaktion bekannt)

© neue Arbeiterpresse, Nr. 865, 11. September 1997 

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