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Der bleibende Wert von Oscar Wildes Werk

David Walsh

Im Theater an der Minetta-Lane in New York wird zur Zeit Moisé Kaufmanns Stück Grob unanständig: Die drei Prozesse des Oscar Wilde gegeben – eine gute Gelegenheit, sich einmal näher mit dem intellektuellen Vermächtnis von Wilde zu befassen.

Grob unanständig behandelt die tragischen Ereignisse, in die der aus Irland stammende Stückeschreiber, Erzähler und Autor verwickelt wurde, nachdem er im März 1895 den Marquis von Queensberry, den Vater seines Geliebten Lord Alfred Douglas, wegen Verleumdung verklagte. Der Marquis, ein grober, seelisch gestörter Mensch, hatte Wilde öffentlich beschuldigt, als Homosexueller zu "posieren".

Der Verleumdungsprozeß wurde für den Schriftsteller zum Desaster. Der Angeklagte konnte leicht nachweisen, daß Wilde mehr als nur posiert hatte. Die Polizei stützte sich jedoch auf die gerichtliche Bestätigung sexueller Ausschweifungen, verhaftete Wilde und erhob Anklage gegen ihn auf der Grundlage eines Gesetzes von 1885, das alle Formen "grober Unanständigkeit" zwischen Männern kriminalisierte, ganz gleich ob diese "Unanständigkeit" mit oder ohne Einverständnis des Partners begangen worden ist.

In dem Prozeß konnten sich die Geschworenen zu keinem Spruch durchringen. Die Regierung ließ jedoch nicht locker und erreichte in einem weiteren Prozeß schließlich eine Verurteilung: Wilde erhielt die Höchststrafe; zwei Jahre Zuchthaus mit Zwangsarbeit. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Mai 1897 wanderte er nach Frankreich aus, wo er drei Jahre später starb.

Kaufmann unternimmt bis zu einem bestimmten Grad den Versuch zu zeigen, daß Wilde nicht einfach wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgt wurde. Die Anklage führte seine Maxime – "Kunst um der Kunst willen" – an, um seinen verdorbenen Charakter nachzuweisen. Das Stück legt nahe, daß die Homosexualität von Wilde und seine Ansichten über Kunst, die darüber hinaus noch von einem Iren mit sozialistischer Überzeugung vertreten wurden, einen Affront gegen die viktorianische Gesellschaft darstellten, der nicht ungestraft bleiben durfte. Die Tatsache, daß Grob unanständig viele Zuschauer anzieht, ist ein ermutigendes Beispiel dafür, daß auch Werke mit einigem Tiefgang ein Publikum finden.

Wir kennen Oscar Wilde sowohl als Persönlichkeit, als auch als Kritiker und Schöpfer künstlerischer Werke des letzten Jahrhunderts. Künstler und Intellektuelle der unterschiedlichsten Überzeugungen sind an ihm nicht vorbeigekommen, ob sie ihn nun anerkannten oder nicht. An seinem Leben und Werk ist etwas, das nicht einfach bloßes Interesse, sondern Parteinahme fordert. Man kann sagen, er ist gewissermaßen eine ungelöste Frage.

Der 1854 in Dublin geborene Wilde kam zwei Jahrzehnte später nach Oxford, wo er unter dem Einfluß des Kunstkritikers und Historikers John Ruskin und von Walter Pater, dem Ästheten und Verfasser der Studien über die Geschichte der Renaissance (1873) stand. Wilde eignete sich Geschmack und Prinzipien an, die, in den Worten des Kunstkritikers Edouard Roditi, "es ihm erlaubten, eine Doktrin der Kunst um der Kunst willen zu entwickeln, die nur handwerkliche Perfektion anerkannte und keinerlei Einmischung ethischer Erwägungen duldete."

Als Wilde 1879 nach London kam, brachte er laut der frühen kritischen Studie von Arthur Ransome "ein geringes Einkommen, den Willen, die Stadt zu erobern, und einen Ruf als scharfzüngiger Redner mit. ... Er trug ein phantastisches Kostüm, um seine Persönlichkeit zu unterstreichen, und sprach, vielleicht als Erklärung dafür, viel von der Häßlichkeit moderner Kleidung." In drei Jahren wurde Wilde "mehrmals pro Monat" zur Zielscheibe von Karikaturen im Punch, einem Zentralorgan des britischen Spießertums.

Das erste Stück von Wilde war Vera oder Die Nihilisten, ein Melodram über russische Revolutionäre, das 1880 veröffentlicht wurde. Im Jahr darauf erschien ein erster Sammelband mit seinen Gedichten. Die produktivste Zeit von Wilde begann 1888 und dauerte bis zu seiner Haft. In dieser Zeit schrieb er Der glückliche Prinz, eine Sammlung "sozialistischer" Kindergeschichten, Das Bildnis des Dorian Gray, Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus, Eingebungen, einen Band bedeutender kritischer Erzählungen, und seine wichtigsten Theaterstücke. Im Gefängnis schrieb er sein außergewöhnliches De Profundis und nach seiner Freilassung Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading.

Wildes politische Anschauungen waren durch seine irische Herkunft, die radikalen Ansichten seiner Mutter und ganz besonders durch den Einfluß seiner Zeit geprägt worden. Roditi bemerkt dazu: "Wilde war sich der sozialen Schichtung der Gesellschaft und der widerstreitenden Klasseninteressen genauso bewußt wie jeder Künstler seines Alters." Derselbe Kritiker merkt auch an, daß Wilde nicht wie Baudelaire ein Dandy der fünfziger und sechziger, sondern der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts war.

Dies war eine Zeit wachsender und tiefgehender sozialer Spannungen. In London lebten schätzungsweise zwei Millionen Menschen in Armut. Die britischen Arbeiter begannen Ende des letzten Jahrhunderts mit dem Aufbau von Massengewerkschaften. 1884 wurde die Sozialdemokratische Föderation, eine erklärt marxistische Organisation gegründet, und 1893 die Independent Labour Party.

Wildes Prozeß fiel mit der antisemitischen Hexenjagd gegen Alfred Dreyfus in Frankreich zusammen. Die herrschende Klasse in England wie in Frankreich sah sich zunehmend genötigt, die kleinbürgerlichen Massen zur Verteidigung der Nation zu mobilisieren. Wildes künstlerischer Lebensstil und seine Homosexualität wurden als etwas Fremdartiges und Dekadentes dargestellt. Das britische Empire, dem weltweit immer neue Rivalen erwuchsen, stand angeblich in Gefahr, seine Manneskraft zu verlieren.

Wenn Wildes erklärter Ästhestizismus zusammen mit seinem Sozialismus heute ein merkwürdiges Bild ergibt, so sollte man sich erinnern, daß diese intellektuellen Tendenzen im damaligen England und Europa keineswegs ungewöhnlich waren. Dennoch, was soll man mit einem Ästheten anfangen, der erklärt: "Jedwede Kunst ist ziemlich nutzlos"? An diese Frage muß man historisch herangehen.

Plechanow argumentierte in seinem Kunst und Gesellschaft überzeugend, daß "der Glaube an die Kunst um der Kunst willen unter Künstlern natürlich immer dann aufkommt, wenn sie mit der Gesellschaft unzufrieden sind." Er schrieb, es sei ganz natürlich gewesen, daß die französischen Romantiker "die Idee der ,nützlichen Kunst’ verabscheuten. In ihren Augen war nützliche Kunst gleichbedeutend mit Kunst im Dienste der Bourgeoisie, die sie so abgrundtief verachteten."

Roditi schreibt in seinem Buch über Wilde: "Weil sie die gesellschaftliche Ordnung, in der sie lebten, bewußt ablehnten, suchten sie die Bestätigung ihrer eigenen Integrität in ihrer völligen Nutzlosigkeit." Weiter schreibt er: "In jener häßlichen Zeit glaubte Wilde, daß es besser sei, wenn die Kunst das Leben nicht imitiere." Wilde selbst schrieb: "Seine Seele in eine anmutige Form zu bringen" sei "die vielleicht höchste Befriedigung, die uns in einem solch beschränkten und vulgären Zeitalter wie dem unseren geblieben ist, einem Zeitalter, das in seinen Freuden so ungeheuer fleischlich und in seinen Zielen so schrecklich gewöhnlich ist."

Eine Kunst der "moralischen Erhebung", wie sie von vielen viktorianischen Schriftstellern proklamiert wurde, lehnte er ab. Diese lief letztlich darauf hinaus, die bestehenden Institutionen und Verhältnisse zu rechtfertigen. Um sich selbst und sein Werk zu verteidigen, mußte er erklären und glauben, daß "Kunst niemals etwas anderes ausdrückt als sich selbst".

Paradoxerweise hatten jedoch nur wenige Künstler so tiefe moralische und politische Überzeugungen wie er. (G.B. Shaw berichtet, daß er versucht hatte, verschiedene Schriftsteller in London zur Unterzeichnung einer Gnadenpetition für die Angeklagten vom Haymarket – Sozialisten, die in den USA zum Tode verurteilt worden waren – zu bewegen; Wilde hatte als einziger unterzeichnet.) Seine besten Stücke, Ein idealer Gatte, Bunbury oder Ernst muß man sein, aber auch Dorian Gray demonstrierten nicht nur den berühmten Witz Wildes, sondern gaben auch einen vernichtenden Einblick in die Moral und die Geisteshaltung der herrschenden Kreise, in denen er verkehrte.

Liest man Wildes Werk und Kritik historisch und dialektisch, so kommt dabei vor allem eine tiefe Überzeugung zum Vorschein, die angesichts großer Schwierigkeiten an der Macht des Denkens und des denkenden Subjekts festhält. Zu einer Zeit, in der das Konzept vorherrschte, daß die Kunst (und andere intellektuelle Tätigkeiten) ein passiver Spiegel der Natur und des Lebens seien, kämpfte Wilde unermüdlich für die entgegengesetzte Ansicht: daß die entscheidende Rolle im Leben von der schöpferischen Persönlichkeit gespielt werde.

Es ist natürlich leicht, über seinen berühmten Ausspruch, daß Leben und Natur die Kunst imitierten, mit einem Schulterzucken hinwegzugehen. Dennoch sollte man zu verstehen versuchen, was er damit meinte. In Der Verfall der Lüge erklärt eine von Wildes Figuren: "Heute sehen die Menschen Nebel, weil Maler und Dichter sie die geheimnisvolle Schönheit dieser Erscheinung gelehrt haben. Es mag seit Jahrhunderten Nebel in London gegeben haben. ... Aber niemand hat ihn wahrgenommen. ... Er hat nicht existiert, bis die Kunst ihn erfunden hat." Damit ist Wilde auf etwas gestoßen, was für den durchschnittlichen Künstler und Intellektuellen seiner Zeit ein Buch mit sieben Siegeln war. Natürlich können solche Konzepte mißbraucht werden, und das war in unserem Jahrhundert tatsächlich auch der Fall. Aber sie beinhalten ein wichtiges Körnchen Wahrheit.

Auch in der Politik ragte Wilde weit über die Fabier, seine Zeitgenossen und angeblichen Geistesverwandten hinaus. In seinem zutiefst humanen und subversiven Essay Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus zeigte Wilde seine Verachtung für deren kleinliche Herangehensweise an die sozialen Übel des Kapitalismus. Über die Reformer sagte er: "Ihre Heilmittel kurieren die Krankheit nicht, sondern verlängern sie bloß. ... Das richtige Ziel ist, die Gesellschaft auf einer solchen Grundlage neu aufzubauen, daß Armut unmöglich wird."

Wilde erinnert uns leidenschaftlich daran, daß im sozialistischen Bewußtsein ein visionäres Element enthalten ist, wenn er schreibt: "Eine Weltkarte, auf der Utopia nicht eingezeichnet ist, sollte man nicht einmal ansehen."

Man könnte es so ausdrücken: Wilde hat viele Wahrheiten ausgesprochen, die aufgrund seiner Klassenzugehörigkeit, des Charakters und der Umstände seiner Zeit und, nicht weniger wichtig, aufgrund des noch unentwickelten, etwas rohen Zustands des Sozialismus in England die Form paradoxer Aussprüche annahmen, die aber in Wirklichkeit auf wichtige Fragen des zwanzigsten Jahrhunderts hinwiesen. Sie konnten sich nur dem stellen, der sich mit den umfassendsten Fragen auseinandersetzte, die sich mit einer Veränderung der Gesellschaft stellen.

Es sollte nicht überraschen, daß Trotzkis Literatur und Revolution Spuren von Wildes Einfluß trägt, freilich verarbeitet von einer historisch-materialistischen Anschauung. Während Wilde bloß erklärt, daß die Leistung des Sozialismus im wesentlichen darin bestehe, "daß er zum Individualismus führt", schrieb Trotzki nach der Russischen Revolution, daß "die Hebung der objektiven Qualität und des subjektiven Bewußtseins der Individualität [im Proletariat], auf der Schwelle, an der wir heute stehen, der wertvollste Beitrag zum kulturellen Fortschritt ist."

Wilde beginnt seinen Essay mit der Bemerkung "Damals und heute, in einem Jahrhundert", seien große Wissenschaftler wie Darwin und Dichter wie Keats in der Lage gewesen, "zur Perfektion zu bringen", was in ihnen steckte. "Das sind allerdings Ausnahmen". Er kommt zum Schluß, daß durch den Sozialismus im Dienste des Individualismus "jedermann zu seiner Perfektion kommen kann."

Auch Trotzki geht in Literatur und Revolution darauf ein, wie der Mensch in der kommunistischen Zukunft zur Vollendung kommen wird. Er schließt mit den Worten: "Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden neue Gipfel aufragen." (L.Trotzki, Literatur und Revolution, Essen 1994, S. 252)

Arthur Ransome bemerkt, daß, als Wilde "ins Gefängnis geschickt wurde, die führenden Vertreter seiner Zeit freudig ausriefen ,Das war das Letzte, was wir von ihm gehört haben.’" Und Ransome fügt hinzu "Um sicher zu gehen, hätten sie jedoch außer dem Kerker von Raleigh auch Savonarolas Feuer einsetzen müssen. Sie hätten nicht nur den Schriftsteller einsperren, sondern auch seine Bücher verbrennen müssen."

Wilde bestand darauf, daß das Leben im Einklang mit ästhetischen Prinzipien erneuert werden müsse. "Kunst sollte niemals versuchen, volkstümlich zu sein", schrieb er. "Das Publikum muß versuchen, sich in der Kunst zu versieren." Die moderne Welt vertraue auf "Sozialismus und Wissenschaft als Methode", um die Armut und das damit verbundene Leid zu beseitigen, damit der Mensch, wenn er diese Aufgabe gelöst habe, "vernünftiger, gesünder, zivilisierter, mehr er selbst sein wird."

Ein Jahrhundert später behält dieser Gedanke seine volle Gültigkeit.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 864, 28. August 1997 

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