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Labours Erdrutschsieg in Großbritannien
und die Aufgaben der Arbeiterklasse
Erklärung der Socialist Equality Party
Der Erdrutschsieg der Labour Partei bei den Parlamentswahlen vom 1.
Mai in Großbritannien kommt einem politischen Erdbeben gleich.
Nach fast zwei Jahrzehnten ununterbrochener Herrschaft ist der Mythos
der Unbesiegbarkeit der Tories (Konservativen) nun gründlich zerstört
worden: Mit dem Verlust von 178 Sitzen haben sie ihre schlimmste Wahlniederlage
seit 1832 erlitten.
Die Tories können nicht einmal mehr für sich beanspruchen,
eine Partei für ganz Großbritannien zu sein. Nachdem sie in
Wales und Schottland überhaupt kein Bein mehr auf den Boden gebracht
haben und auch aus vielen Großstädten und Industriegebieten
Englands verschwunden sind, ist nur noch ein rechtslastiger Rumpf der Partei
übriggeblieben, der die englischen Täler und Grafschaften vertritt.
Eine Rekordzahl von sieben Ministern hat ihren Sitz verloren.
Darunter sind so führende Thatcher-Anhänger wie Malcolm Rifkind,
William Waldegrave, Roger Freeman und sogar Verteidigungsminister Michael
Portillo, die vorher schon als künftige Führer der Tories gehandelt
worden waren. Selbst Thatchers alter Wahlkreis Finchley im Norden Londons
ging an New Labour.
Die Niederlage der Tory-Regierung hat eine Flut hysterischen Jubels
bei einem Teil der Presse und Euphorie bei breiten Schichten der Bevölkerung
ausgelöst. Letzteres spiegelt die verständliche tiefe Befriedigung
und Erleichterung der Millionen arbeitender Menschen darüber wieder,
daß 18 Jahre "Thatcherismus" nun endlich vorbei sind.
Arbeiter dürfen sich jedoch davon nicht mitreißen lassen.
Stattdessen sollten sie dieses in Wirklichkeit sehr vielschichtige und
widersprüchliche Wahlergebnis einmal ganz nüchtern untersuchen.
Es zeigt zunächst, daß große Teile früherer Tory-Wähler
aus den unteren Mittelschichten und Facharbeitern - desillusioniert von
der sozialen Katastrophe, die Thatchers "Volkskapitalismus" hervorgebracht
hat - nach links gegangen sind. Diese Schichten sind in den umstrittenen
Wahlbezirken ein Bündnis mit breiten Schichten von Arbeitern eingegangen,
um die Niederlage der Tories zu besiegeln.
Obwohl die Labour Partei selbst in großem Tempo nach rechts gegangen
ist, hat sie am meisten von dieser gewaltigen linken anti-Tory-Bewegung
profitiert, weil ihre Wahl als die einzig realistische Möglichkeit
erschien, die Regierung möglichst schnell loszuwerden. Die Labour
Party nutzte diese landesweite anti-Tory-Stimmung auch ganz bewußt
aus und bestritt ihren Wahlkampf hauptsächlich mit den Parolen "Es
kann nur besser werden" und "Höchste Zeit für einen
Wandel".
Das führte zu einer Wählerwanderung von zehn Prozent zu Labour,
die 146 Sitze zulegten und mit einer Mehrheit von 179 Sitzen im Parlament
ihr bestes Ergebnis aller Zeiten erzielten. In Wahlbezirken, wo es so aussah,
als ob eher die Liberaldemokraten als New Labour den Tory-Abgeordneten
schlagen könnten, wurden diese unterstützt. Daher konnten die
Liberaldemokraten, die sich von allen drei Parteien am stärksten links
gaben, die Zahl ihrer Parlamentsabgeordneten von 26 auf 46 fast verdoppeln.
Trotz des beispiellosen Wahlerfolges von New Labour rührt ihr Sieg
mehr von dem weitverbreiteten Haß gegen die Tories her, als von Begeisterung
für die Partei von Blair. Im sechswöchigen Wahlkampf zielte die
Kampagne von New Labour fast ausschließlich darauf ab, sich die Unterstützung
des Kapitals und des Kleinbürgertums zu sichern. Während heftig
die nationalistische Trommel gerührt und an jedes noch so reaktionäre
Vorurteil des Kleinbürgertums appelliert wurde, wurden die Hoffnungen
breiter Schichten der Bevölkerung und der traditionellen Unterstützer
Labours aus der Arbeiterklasse auf soziale Verbesserungen möglichst
gedämpft. Erst in der letzten Woche vor dem Urnengang änderte
Labour den Schwerpunkt seiner Kampagne und seiner Wahlspots und versprach,
das staatliche Gesundheitswesen zu schützen, die Bildung zu verbessern
und ähnliches mehr zu tun, um möglichst viel von der anti-Tory-Stimmung
in Stimmen für sich ummünzen zu können.
Trotzdem stimmten viele Arbeiter nur widerwillig für New Labour,
und viele gingen überhaupt nicht zur Wahl. Die Wahlbeteiligung ging
gegenüber den Parlamentswahlen von 1992 um insgesamt sieben Prozent
zurück und war mit 71,1 Prozent die niedrigste seit 1935. Das ist
auch der Grund, warum trotz der enormen Feindschaft der großen Mehrheit
der Bevölkerung gegenüber den Tories New Labour nur von 29 Prozent
der Wahlberechtigten unterstützt wurde. In den unsicheren Wahlkreisen
war die Wahlbeteiligung deutlich höher als dort, wo ein Sitz für
Labour sicher war. Dort ging sie drastisch zurück, in einigen Fällen
auf sechzig Prozent oder auch auf nur fünfzig Prozent. Das zeigt,
daß die Millionen aus den ärmsten und unterdrücktesten
Schichten durch den Rechtsruck von Labour völlig von der offiziellen
Politik entfremdet worden sind.
Blair hat das Wahlergebnis als "Mandat für New Labour"
gefeiert. In Wirklichkeit war es jedoch eine Wahl gegen die Tories,
aber nicht für New Labour. Blair fügte hinzu: "Diese
Regierung von New Labour wird im Interesse unseres gesamten Volkes, der
gesamten Nation regieren." Das ist jedoch unmöglich. Labours
Erfolg beruhte auf einer völlig instabilen Koalition von sozialen
Kräften mit ganz unterschiedlichen und gegensätzlichen Erwartungen
an die neue Regierung. Das Kapital und die Medien haben Labour unterstützt,
weil die Tories über Europa völlig zerstritten sind, und weil
die Feindschaft, die sie sich mittlerweile von allen Seiten zugezogen haben,
die Interessen des Kapitals nach außen und im Innern bedroht.
Nach dem Wahlgang haben Wirtschaftsverbände wie die Confederation
of British Industry (CBI) und die British Chamber of Commerce (BCC, Britische
Handelskammer) Blair aufgefordert, der arbeitenden Bevölkerung beim
Mindestlohn und allen anderen Bereichen der Sozialgesetzgebung keinerlei
Zugeständnisse zu machen, die Großbritanniens internationale
Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen würden. Adair Turner,
der Generaldirektor der CBI, forderte Labour dazu auf, mit ihrer Politik
"die Interessen der Wirtschaft in allen Einzelheiten durchzusetzen".
Solche Vorgaben werden Blairs Kurs prägen. Die erste Tat des neuen
Schatzkanzlers, Gordon Brown, bestand darin, die Kontrolle über die
Leitzinsen einer unabhängigen britischen Notenbank zu übertragen,
die damit weitgehend über die Geldpolitik bestimmen wird. Zusammen
mit dem Versprechen von Labour, die Staatsausgaben der Tories nicht zu
überschreiten, macht das deutlich, daß die neue Regierung einen
Kurs der Sparmaßnahmen und Kürzungen fahren wird.
Was die Unterstützer von New Labour aus der Gewerkschaftsbürokratie
angeht, so stimmen sie mit Blairs unternehmerfreundlicher Politik von ganzem
Herzen überein. John Monks, der Generalsekretär des TUC (britischer
DGB) erklärte: "Einer der großen Erfolge der Regierung
von New Labour besteht darin, die Vorbehalte der Wirtschaft gegenüber
der Labour Partei zerstreut zu haben." Um diese Politik jedoch auch
durchsetzen zu können, wird man die Gewerkschaftsführer noch
mehr als bisher einbeziehen, um die Forderungen ihrer Mitglieder zurückzuhalten.
Die Tories führten ihre Kampagne mit der Behauptung, die Wirtschaft
sei aufgeblüht wie nie zuvor. Es gelang Major jedoch nicht, den von
Thatcher geschaffenen Mythos eines "Volkskapitalismus" aufrechtzuerhalten,
der angeblich Wohlstand für alle bringe. Millionen von Arbeiterfamilien,
- darunter auch frühere Tory-Wähler - haben für den sogenannten
"Wirtschaftsaufschwung" mit Lohnkürzungen, Arbeitsplatzabbau
und der Zerstörung lebensnotwendiger Sozialeinrichtungen bezahlt.
Daß die Labour Party die Politik der Tories nun sich selbst zu eigen
gemacht hat, war ohne Zweifel ein Grund, warum die wohlhabenderen Schichten
des Kleinbürgertums für sie gestimmt haben.
Die Mehrheit hat jedoch aus Zorn darüber gewählt, daß
die Lebensbedingungen der Bevölkerungsmehrheit sich immer mehr verschlechtern,
während eine kleine Minderheit von Superreichen noch reicher geworden
ist. Das wird unweigerlich dazu führen, daß die Millionen, die
Blair in dem Glauben gewählt haben, seine Wahl werde ihre soziale
Misere etwas verbessern, mit der Labour-Regierung und der Gewerkschaftsführung
in Konflikt kommen werden.
Das Wahlergebnis ist von den Führern aller Großmächte
in Europa und international begeistert begrüßt worden. Der Grund
ist nicht, daß sie großes Vertrauen in Blairs Fähigkeiten
hätten, sondern daß sie den Abgang der Tory-Regierung als Chance
zur besseren Durchsetzung ihrer eigenen nationalen Interessen ansehen.
Weit entfernt davon, die Gegensätze zwischen den Großmächten
zu überwinden, wird die Wahl der neuen Labour-Regierung die Spannungen
im Gegenteil verschärfen und die Krise des europäischen und Weltkapitalismus
vertiefen.
In Großbritannien selbst hat der Zusammenbruch der Konservativen
Partei und die Schaffung von New Labour gezeigt, daß der britische
Kapitalismus seine althergebrachten Herrschaftsmechanismen aufgeben muß.
Deshalb versuchen die kapitalistischen Medien verzweifelt, Blair als eine
nationale Integrationsfigur aufzubauen, um angesichts der immer schärferen
Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm einen neuen politischen Konsens
zu schaffen. Es gibt jedoch bereits jetzt Anzeichen dafür, daß
sich scharfe politische und soziale Konflikte anbahnen.
So hat die vor kurzem von dem Milliardär Sir James Goldsmith gegründete
Referendum Party (rechte, nationalistische Partei, die ein Referendum gegen
den Beitritt Großbritanniens zur Währungsunion fordert) 800.000
Stimmen bzw. einen Stimmenanteil von drei Prozent gewonnen, die 55 Kandidaten
der faschistischen British National Party 34.646 Stimmen - durchschnittlich
630 für jeden Kandidaten.
Aber der Rechtsruck von New Labour macht einer immer gewichtigeren Minderheit
von Arbeitern auch klar, daß eine neue sozialistische Massenpartei
aufgebaut werden muß, die ihre Interessen gegen diejenigen des Kapitals
verteidigt. Die 52.110 Wähler der 64 Kandidaten von Arthur Scargills
Socialist Labour Party, wie auch die 19.571 Wähler der 35 Kandidaten
von der Socialist Party/Scottish Socialist Alliance, haben dem Druck widerstanden,
für Blair zu stimmen, um die Tories loszuwerden. Für sie war
die Notwendigkeit einer sozialistischen politischen Alternative das wichtigste.
Aber keine dieser Organisationen stellt eine solche Alternative dar.
Sie wollen vielmehr eine neue Partei reformistischer Art aufbauen. Der
Zusammenbruch und die politische Fäulnis der Labour Party haben jedoch
gerade erwiesen, daß dieses Konzept historisch bankrott ist. Die
Wirtschaft wird von transnationalen Konzernen beherrscht, die die Produktion
im globalen Maßstab organisieren; - dies hat den Bankrott dieser
Perspektive offen zutage gebracht. Der weltweite Kampf der rivalisierenden
kapitalistischen Nationen um Märkte und Investitionen bedeutet, daß
die Bourgeoisie alle sozialen Zugeständnisse wieder rückgängig
machen muß, zu denen sie früher gezwungen war. Es ist nicht
länger möglich, das Profitsystem mit Reformen zugunsten der Arbeiterklasse
zu vereinbaren. Der Kampf für die grundlegenden Lebensbedürfnisse
erfordert einen unversöhnlichen Kampf gegen das Profitsystem.
Das ist die Bedeutung der Wahlkampagne der Socialist Equality Party.
Die SEP ist die einzige Partei, die ein sozialistisches und internationalistisches
Programm vertritt, mit dem die Probleme der Arbeiterklasse gelöst
werden können. Mitglieder der SEP konnten Tausenden von Arbeitern
und Jugendlichen erklären, daß ihre Probleme das Produkt einer
Krise des Profitsystems sind, und nicht durch die Wahl einer pro-kapitalistischen
Labour-Regierung gelöst werden können. Während sie um jede
mögliche Stimme kämpften, vertraten sie keine parlamentarische
Perspektive, sondern stützten sich auf die unabhängige politische
Mobilisierung der Arbeiterklasse. Nur eine sozialistische Politik, die
von einer wahrhaft demokratischen Arbeiterregierung durchgeführt wird,
kann für gut bezahlte Arbeitsplätze und anständige, finanzierbare
Wohnungen für alle sorgen, das Gesundheitswesen und die Bildung sichern
und der Bedrohung demokratischer Rechte ein Ende setzen. Die SEP betonte,
daß die Arbeiter sich zu dieser Lösung über die Grenzen
hinweg gegen das international organisierte Kapital vereinen müssen.
Die Reaktion von Arbeitern auf die Kampagne der SEP war von der Verwirrung
bestimmt, die der Verrat der alten Arbeiterorganisationen angerichtet hat,
- denn ihr Vertrauen in eine sozialistische Perspektive ist untergraben
worden - und von dem überwältigenden Wunsch der meisten, endlich
die Tory-Regierung zum Teufel zu schicken. Trotzdem gab es im allgemeinen
eine nachdenkliche und freundliche Reaktion auf ihre Kampagne und ausdrückliche
Zustimmung von seiten einer kleinen, aber wichtigen Minderheit.
Die erste Wahlkampagne der SEP war ein wichtiger Schritt zur Vorbereitung
auf die künftigen Kämpfe und hat die Autorität der Partei
bei den fortgeschrittensten Arbeitern und Jugendlichen gestärkt. Der
wachsende Widerstand gegen die Angriffe auf die Arbeiter in Großbritannien
und ganz Europa wird die besten Bedingungen für die Entwicklung sozialistischen
Bewußtseins in breiten Schichten und den Aufbau der SEP als der revolutionären
Massenpartei der Arbeiterklasse schaffen.
© neue Arbeiterpresse, Nr. 858, 15. Mai 1997
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