IBM führt globale Tagelöhnerei ein

IBM (International Business Machines Corporation) galt einst als Pionier auf dem Gebiet der Computertechnologie. Nun betätigt sich der Großkonzern mit Sitz in den USA, der weltweit über 400.000 Leute beschäftigt, als Pionier einer modernen Form der globalen Tagelöhnerei. Deutschland dient dabei als Pilotprojekt für eine radikale Neuorganisation der bestehenden Arbeitsstrukturen auf der ganzen Welt.

IBM soll auf eine Kernbelegschaft reduziert werden. Von den gut 20.000 Beschäftigten in Deutschland sollen mindestens 8.000 ihren festen Arbeitsplatz verlieren und durch flexibel einsetzbare externe Kräfte ersetzt werden. Das geht aus einem internen Strategiepapier hervor, das dem Spiegel vorliegt.

Das „Liquid“ genannte Programm sieht vor, die externen Arbeitskräfte je nach Bedarf flexibel einzukaufen. Die Anheuerung der externen IT-Spezialisten und Fachkräfte soll über eine eigens gegründete Internetplattform erfolgen, die in Form einer so genannten Cloud (Wolke) betrieben wird.

Als Cloud bezeichnete die IT-Branche bislang kurzfristig verfügbare Hard- und Software, die sich für den Nutzer nicht sichtbar (daher der Name Cloud) auf international vernetzten Rechnern befindet. Der Zugriff geschieht meist über das Internet. Sinn und Zweck von Cloudlösungen ist eine Senkung der Kosten, da die Ressourcen zwar jederzeit bereitstehen, aber nur für die Zeit des Nutzens bezahlt werden müssen.

Dieses Modell soll nun in breitem Maßstab auch auf Menschen angewendet werden. Die derzeit noch fest angestellten IBM-Beschäftigten sollen sich zukünftig als freie Mitarbeiter weltweit in einer „Talent-Cloud“ präsentieren. Um Teil der Cloud zu werden, müssen sie sich nach Qualitätsmerkmalen zertifizieren, die IBM vorgibt. Allerdings sollen nicht nur IBM, sondern auch andere Unternehmen die Menschen-Cloud nutzen.

Der Spiegel vergleicht die „Talent-Cloud“ mit Facebook. Wie in dem sozialen Netzwerk sollen die Profile der IT-Fachleute – inklusive Bewertungen („Gefällt mir“) und Zeugnissen vorheriger Arbeitgeber – für interessierte Konzerne sichtbar sein: „Entspricht das Know-how internationalen Branchenstandards? Hat er sich bei früheren Projekten bewährt? Ist er korrekt und zuverlässig?“

Positive Bewertungen – dazu zählt auch die pünktlich bezahlte Kreditkartenabrechnung – und selbstfinanzierte Fortbildungen bei IBM steigern die „digitale Reputation“ eines IT-Fachmanns. Die höchste Auszeichnung ist das „Goldsiegel“.

„Die in einer ‚Cloud‘ organisierten Arbeitskräfte“, zitiert das Nachrichtenmagazin aus dem IBM-Papier, „würden internationale Arbeitsverträge erhalten, um restriktive Vorschriften in den jeweiligen Heimatländern zu umgehen.“ Die „globalisierten Arbeitsverträge“, um die sich die IT-Fachkräfte bewerben müssen, würden dabei jeweils ausschließlich für die Dauer einzelner Projekte gelten. Damit würde das Unternehmen einen Zustand erreichen, „den die Finanzmärkte längst erreicht haben“: Es könnte sich „eines Teils der nationalen Regeln entledigen“.

Die fest angestellten Beschäftigten – mit Sozialversicherungsschutz, garantiertem Gehalt, Urlaubsanspruch, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, usw. – würden zu modernen Tagelöhnern, die immer nur für ein Projekt oder einen Auftrag zeitlich befristet eingekauft werden, mal von der einen und mal von der anderen Firma. „Ein solches System, in dem weltweit Arbeitskräfte um befristete Jobs auf Internetplattformen konkurrieren“, schreibt der Spiegel, „würde Konzernen wie IBM gewaltige Einsparungen bringen und die Effizienz erheblich steigern.“

IBM selbst hat bisher keine Stellung zu den Berichten des Spiegels bezogen. „Als innovatives Unternehmen, sondieren wir ständig eine Fülle von Wegen und Vorgehensweisen, die Kunden Mehrwert bieten“, ließ der Konzern lediglich verlauten.

Mit der Umstrukturierung der Arbeitsverhältnisse versucht IBM seinen Gewinn weiter zu steigern, um für Investoren attraktiv zu bleiben. Für das vierte Quartal 2011 meldete IBM einen Umsatz von 29,5 Milliarden Dollar und einen um 4 Prozent auf 5,5 Milliarden Dollar gestiegenen Gewinn.

Erst im vergangenen Jahr war die Investmentholding Berkshire Hathaway von Warren Buffett bei IBM eingestiegen. Buffett hatte Aktien im Wert von 10,7 Milliarden Dollar gekauft, was einem Anteil von 5,4 Prozent an IBM entspricht. Nach Daten des Finanzdienstleisters Thomson Reuters ist Buffett damit neben State Street Global Advisors der größte Aktionär des Konzerns. Der Multimilliardär lobte das IBM-Management, das selbst in der Wirtschaftskrise für ordentliche Gewinne gesorgt hatte. „Sie haben einen tollen Job gemacht“, sagte er.

Das nun verfolgte Liquid-Modell ist nicht auf IBM begrenzt. Den Mechanical Turk von Amazon, ein automatischer Marktplatz für einfache Tätigkeiten, für die üblicherweise wenige Cent geboten werden, kennen schon jetzt die meisten Informatiker. Top-Coder, die größte Internet-Plattform für Software-Entwickler, hat bereits 388.000 „Mitglieder“.

IBM hat sich nicht zufällig Deutschland als Pilotland ausgesucht, um dieses Modell systematisch und zielstrebig zu verfolgen. Seit den Hartz-Reformen der Regierung Schröder (1998-2005) gilt Deutschland als „Marktführer“ bei der Entwicklung neuer Formen prekärer Arbeitsverhältnisse.

Das IBM-Modell perfektioniert und globalisiert den so genannten Werkvertrag, der die Leiharbeit immer häufiger als bevorzugte Form der Niedriglohnarbeit ablöst. Unternehmen übertragen zentrale Aufgaben an Subunternehmen, die pro „Werk“ – in der IT-Branche würde man „Projekt“ sagen – bezahlt werden. Dabei kann es sich beispielsweise um eine bestimmte Anzahl von Waren-Paletten handeln, die Beschäftigte der Subunternehmer in die Regale räumen.

Über einen eigenen Arbeitgeberverband, den Verband Instore und Logistik Services (ILS), haben vierzehn große Subunternehmen der Handels- und Logistikbranche mit insgesamt 50.000 Beschäftigten bereits einen entsprechenden Tarifvertrag mit der „gelben“ Gewerkschaft DHV, einem Mitglied des Christlichen Gewerkschaftsbunds (CGB), geschlossen.

Die DHV hat Stundenlöhne von 6 Euro brutto im Osten und 6,50 Euro im Westen abgesegnet. Damit können die Unternehmen sogar den vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) mitgetragenen Mindestlohn für Zeitarbeit unterbieten, der bei 6,89 Euro im Osten und 7,79 Euro im Westen liegt. Die Drogeriemarkt-Kette Rossmann bestätigt, dass sie solche Billiglohnarbeiter inzwischen in jeder zweiten Filiale einsetzt, das sind 800 Märkte. Auch andere Handelsketten und Lebensmitteldiscounter nutzen diese Form der Ausbeutung.

Inzwischen wurde der Einsatz von Werkverträgen vom Handel auch auf die Industrie ausgedehnt. Laut einer Umfrage der IG Metall nutzen über 70 Prozent der Betriebe der Elektro- und Metallindustrie in Baden-Württemberg systematisch Werkverträge. In mehr als jedem zweiten Betrieb werden dadurch Stammarbeitsplätze ersetzt. Laut Angabe von Betriebsräten sind täglich bis zu 25 Prozent zusätzliche externe Beschäftigte mit Werksausweisen in den Unternehmen tätig.

Im BMW-Werk Leipzig ist nach Gewerkschaftsangaben die Hälfte der 5.000 Arbeiter über Werkvertragsfirmen beschäftigt. Insgesamt 26 Dienstleitungsfirmen tummeln sich in dem Werk. Ihre Beschäftigten sind sogar noch wesentlich schlechter gestellt als Leiharbeiter, für die inzwischen ein Mindestlohn gilt.

So zahlt die Werkvertragsfirma Wisag Produktionsservice, ursprünglich eine Gebäudereinigungsfirma, die bundesweit 5.000 Menschen beschäftigt, Stundenlöhne von 10 Euro. Vor einigen Jahren waren es sogar nur 6,50 Euro.

In einer Halle des BMW-Werks Leipzig bauen 200 Wisag-Beschäftigte im Auftrag der ThyssenKrupp Automotive, die mit BMW einen Achsen-Werkvertrag geschlossen hat, im 67-Sekunden-Takt Achsen zusammen, die von BMW direkt weiterverarbeitet werden. Als Beschäftigte des Subunternehmers eines Subunternehmens haben sie keine Rechte und Garantien, noch nicht einmal Anspruch auf verbilligtes Kantinenessen.

Ähnlich ist es im Audi-Werk in Ingolstadt, wo ebenfalls rund die Hälfte aller Arbeiter „Externe“ sind. Sie verdienen monatlich 500 bis 800 Euro weniger als „Interne“ und arbeiten 40 statt 35 Stunden die Woche.

Durch den Anstieg der Billiglohnarbeit in Deutschland ist in den letzten Jahren die Zahl der unbefristeten Vollzeitstellen stetig gesunken – nach Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zwischen 1999 und 2009 um 18,5 Prozent. Die Zahl der atypischen Erwerbsformen wie etwa Leiharbeit (fast 1 Million Beschäftigte) oder Einzel-Selbständigkeit ist dagegen um fast 80 Prozent gestiegen. Nur knapp die Hälfte aller 41 Millionen Beschäftigten ist noch regulär beschäftigt.

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