Ein Kommentar zum Streik der Drehbuchautoren in den USA

Wie wird sich der Arbeitskampf auf die Autoren selbst auswirken?

Seit dem 5. November streiken in den Vereinigten Staaten die Drehbuchautoren für Film und Fernsehen. Sie führen einen erbitterten Kampf gegen die großen Studios und Sender, bei dem es um eine anständige Vergütung für die Vermarktung des Materials im Internet und anderen neuen Medien geht.

Die Forderungen der Drehbuchautoren sind gerechtfertigt - tatsächlich müssten sie noch viel mehr verlangen. Das Film- und Fernsehgeschäft wird von einigen wenigen Nichtsnutzen in den Vorstandetagen der Unterhaltungsindustrie beherrscht. Sie entscheiden, was die Bevölkerung in Amerika und weltweit sieht und hört, und sorgen dafür, dass eine Handvoll von Unternehmen massive Profite einfährt. Für diese gesellschaftlich rückschrittliche Funktion erhalten sie enorme Summen und leben wie die Könige.

Angelehnt an Brecht ließe sich sagen, dass sie vielleicht nicht anders sein können, als sie sind, aber eigentlich auch überhaupt nicht sein müssten.

Ein rationales und gesellschaftlich fortschrittliches Programm für den Streik der Drehbuchautoren muss als Erstes feststellen, dass die Mittel zur Filmproduktion und zur Ausstrahlung von Film und Fernsehen sowie zur Verbreitung anderer Medien aus dem Griff von Konzernen wie GE, Time Warner, Disney, News Corp., Viacom und so weiter befreit und in öffentliches Eigentum überführt werden müssen. Solch ein Ziel erreicht man jedoch nicht einfach nebenbei. Dazu braucht es einen Bruch mit der Demokratischen Partei, eine bewusste Identifikation mit den Kämpfen der internationalen Arbeiterklasse und den Aufbau einer sozialistischen Bewegung.

Die Studios und Sender versuchen ihrerseits, den Drehbuchautoren eine Niederlage beizubringen, und -nachdem sie diese als bedrohlich empfundene Infragestellung ihrer Allmacht unterdrückt haben - zum Normalen zurückzukehren. Aber wie kann das sein? Es gibt keine Rückkehr zum Normalen mehr.

Die Drehbuchautoren machen gerade eine wichtige Erfahrung, die ihnen die Augen öffnen kann. Die erfolgreicheren unter ihnen verfügen sicherlich über ein Polster für wirtschaftlich harte Zeiten, aber viele von ihnen haben das nicht. Sie erhalten kein Gehalt mehr und stehen am Streikposten. Die Rechnungen und Mahnungen häufen sich. Dies übt natürlich Druck auf persönliche Beziehungen aus. Die Arbeitgeber dagegen führen eine gut finanzierte Desinformationskampagne gegen die Streikenden und widersetzen sich Verhandlungen. Den Drehbuchautoren wird praktisch gesagt, dass sie sich zum Teufel scheren sollen.

Die Behauptung der Geschäftsführungen, dass die Autoren überbezahlt sind und keinen Grund zur Beschwerde haben, obwohl sich die Konzernriesen buchstäblich die gesamten riesigen Gewinne aus der Internetvermarktung in die eigene Tasche stecken, sind bösartig und eigennützig. Andererseits muss man nicht die Tatsache verschleiern, dass die angestellten Film- und Fernsehautoren im Vergleich zu weiten Teilen der Bevölkerung recht gut dastehen. In gewissem Maße hat ihnen das die 'Freiheit' gegeben, den gegenwärtigen Kampf zu führen.

Millionen Arbeiter in den Vereinigten Staaten, die pro Stunde 8 oder 10 oder 15 Dollar verdienen und von den Gewerkschaften ihrem Schicksal überlassen wurden, schaffen es kaum, sich von der Arbeit einmal frei zu machen, um ihren Protest kundzutun. Das wird sich in nicht allzu ferner Zukunft ändern, aber derzeit kocht die Wut noch still in den Arbeitern.

Die allgemein feindselige Haltung gegenüber der Macht der Konzerne zeigte sich in einigen frühen öffentlichen Stimmungsbildern zum Streik der Drehbuchautoren. In zwei Meinungsumfragen unterstützte nur ein erstaunlich geringer Teil der Befragten die Unterhaltungsunternehmen (in einem Fall nur vier Prozent!). Solchen Zahlen kann man einiges über die tatsächliche Stimmung in den Vereinigten Staaten entnehmen, im Gegensatz zu dem manipulierten Material, das die Medien mittlerweile verbreiten.

Nun da sie selbst in einem schwierigen Kampf stecken, sollten die Drehbuchautoren stärker darüber nachdenken, was der Rest der Arbeiterklasse tagtäglich erleiden muss. Dies ist wichtig, damit kritischere und nachdenklichere Filme und Fernsehprogramme entstehen.

Was macht das tägliche Leben in Amerika aus?

Wenn er eine Anstellung hat, ist ein Arbeiter der praktisch uneingeschränkten Macht eines Chefs ausgesetzt, der ihn beleidigen, abfertigen und feuern kann. Er erfährt hautnah das ständige Streben nach Produktivitätssteigerung, einen rücksichtslosen Wettbewerb und eine Atmosphäre des Jeder-gegen-Jeden, die erschöpft und demoralisiert.

Millionen Arbeiter im Dienstleistungsgewerbe, in Teilzeitjobs, in Zeitarbeitsverträgen und vor allem die Einwanderer (mit gültigen Papieren oder ohne) leben in den Vereinigten Staaten unter wirklich üblen Bedingungen. Sie sind gesellschaftlich und politisch mundtot. Sie zählen nicht. Ihnen gelten nicht die Beilagen in der New York Times, in denen Häuser zu vier Millionen Dollar als "Schnäppchen" angepriesen werden. Oft genug kommen sie in Film und Fernsehen auch nicht vor.

Die Arbeitslosen, Obdachlosen, Jugendlichen in armen Stadtvierteln und Landstrichen - sie verschwinden einfach aus dem Blick, während die Mainstream-Kultur ihrer Wege geht.

Das Leben in amerikanischen Filmen und Fernsehsendungen hat größtenteils nur eine äußerst vage Verbindung zu dem, was die große Mehrheit der US-Bevölkerung als Existenz erlebt. Sie verdunkeln und verwirren mehr als alles andere. Sie schaffen es im Allgemeinen nicht, aufzuklären, aufzurichten oder zu amüsieren. Das ist ein wichtiger Punkt. Das allgemein eher niedrige Niveau der Bevölkerung, selbst der gebildeten Schichten, begünstigt das derzeitige Klima politischer Verdummung und lässt die herrschende Elite ungestraft die schrecklichsten Verbrechen begehen.

Falsche, von Klischees verzerrte oder oberflächliche Abbildungen des Lebens haben Folgen. Sie halten die Bevölkerung davon ab, in den Spiegel zu blicken, ihre Unzulänglichkeiten und Fehler zu erkennen. Sie hindern Menschen daran, die menschliche Psyche in ihrer Reichhaltigkeit und Nuanciertheit zu verstehen. Sie verleiten sie, in all die ideologischen und politischen Fallen zu tappen, die von den Mächtigen aufgestellt wurden.

Die Künstler sind aufgerufen, sich allseitig in das Leben einzumischen, nicht davor zurückzuscheuen. Solches tat die russische Literatur im 19. Jahrhundert, das deutsche Theater in den 1920ern und - in gewissen Grenzen - der amerikanische Film in den 1930ern und 1940ern.

Hat der Streik die Autoren oder zumindest die Nachdenklicheren unter ihnen näher an das Leben herangeführt?

Es gibt so viele Geschichten zu erzählen, so viel Dramatik im menschlichen Leben. Man muss nur auf die Straße gehen oder in einen Laden oder den Gesprächen in einem Restaurant lauschen. Man muss kein offen politisches oder gesellschaftskritisches Stück schreiben, auch wenn es an solchen natürlich auch fehlt; jedes wichtige Drama, jede Komödie ist mit dem gesellschaftlichen Leben verbunden. Wenn Drehbuchautoren die Wahrheit über das wirkliche Leben schreiben und nicht nur durch Cleverness und Coolness zu beeindrucken versuchen, dann leisten sie einen wichtigen Beitrag.

Die Wahrheit kann nur erzählen, wer über Wissen verfügt - Wissen über die Gesellschaft, die Geschichte, die menschliche Psyche. Ein Großteil der Dinge, die derzeit im Film die zentrale Rolle einnehmen - Karriere, Einkommen, Ruhm, Image - sind Zeitverschwendung oder schlimmer.

Hören wir einen Einwand? 'Sie verlangen zu viel von einem Unterhaltungsmedium. Die Menschen wollen einfach dem Alltag entfliehen, nicht über Sachen nachdenken.' Dieses Argument ist aus mehreren Gründen falsch.

Erstens ist unsere Kritik an der jetzigen 'Unterhaltung', dass sie gar nicht so schrecklich unterhaltsam ist. Die anhaltend sinkenden Zuschauerzahlen der Fernsehsender sind ein Indikator dafür, ähnliches gilt für die schwankenden Zahlen beim Kinopublikum. Und wenn es das Brimborium in den Medien nicht gäbe - wie viele würden sich dann noch für die Hollywood-Produktionen interessieren? Die Kunst, die dem amerikanischen Kino zu seiner besten Zeit nachgesagt wurde, ist größtenteils verloren gegangen.

Und in jedem Fall gilt: Wenn diejenigen, die praktisch das Monopol darüber haben, was die große Bevölkerungsmehrheit zu sehen bekommt, ihrerseits behaupten, die Menschen bekämen nur das, 'was sie wollen', so ist das vollkommen unehrlich und zynisch.

Populäre Unterhaltung und das Denken schließen sich nicht gegenseitig aus, wie man der Weltkulturgeschichte entnehmen kann. Die Bevölkerung denkt und fühlt und kann verstehen. Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen hinterlassen deutliche Spuren im Massenbewusstsein, auch wenn dies nur eine halbbewusste, halbartikulierte Form annimmt. Noch einmal: Die Unterhaltungsindustrie leidet heute - mit wenigen Ausnahmen - zutiefst an ihrer Distanz zum Leben der Bevölkerung

Wollen die Menschen einfach dem Alltag entfliehen? Wenn dies so ist, so handelt es sich dabei um eine Kritik an der düsteren und schmerzlich empfundenen Wirklichkeit, der man entfliehen muss. Ablenkung und Entspannung sind unter allen Umständen ein notwendiger Teil des Lebens. Aber wenn die Auffassung vorherrscht, dass man besser nicht über wichtige Dinge nachdenkt, so zeigt sich darin eine Gesellschaft und Kultur, die Viele betäubt und gefühllos gemacht hat. Solche Schwierigkeiten müssen durch Künstler überwunden werden - was sonst sollte ihre Aufgabe sein?

Kann es keine feingeistige, intelligente Populärkultur geben? Man muss sich nur die Geschichte der amerikanischen Filmindustrie selbst anschauen. Die Zuschauer gingen massenhaft in die Filme von Charlie Chaplin, dem genialen Komiker und Gesellschaftskritiker ersten Ranges. Und sein phänomenaler Erfolg war keiner Zweitklassigkeit geschuldet. Orson Welles, John Ford, Alfred Hitchcock, Howard Hawks - all die Genannten produzierten im Rahmen ihres Talents und ihrer Anschauungen populäre Unterhaltung und opferten nie die Kunst dem angeblichen Wohle der Popularität.

Der Fehler liegt nicht bei der Bevölkerung sondern bei einer heruntergekommenen, unaufrichtigen und hohlen Kultur.

Von den 'Radikalen' hören wir noch ein anderes Argument: Weil die Konzerne alles kontrollieren, weil die Macht beim Geld liegt oder sogar weil die herrschende Klasse in jeder Ära auch die Vorstellungswelt der Menschen prägt, kann am derzeitigen Zustand der Film- und Fernsehproduktion nichts geändert werden.

Die existierenden Beziehungen in der Film- und Fernsehwelt sind unerträglich, nicht zu vereinbaren mit anständigen Bedingungen für diejenigen, die dort angestellt und aufrichtig künstlerisch tätig sind. Sie müssen verändert werden. Das ist die Aufgabe der Arbeiterklasse und der sozialistischen Bewegung. Aber das ist kein Argument, bis dahin die Arme zu verschränken.

Wo Zensur oder Selbstzensur existiert, muss sie öffentlich gemacht und bekämpft werden. Derzeit erleben wir nicht gerade häufig, dass sich gegen die Beschränkungen aufgelehnt wird. Wir sehen stattdessen viel zu viel Anpassung an die gegebenen Bedingungen.

Es gibt Ressourcen und Möglichkeiten für diejenigen, die etwas zu sagen haben. Die Künstler, die sich an wichtigen Realitäten der heutigen Zeit orientieren, die tiefgründig denken und fühlen, die sich den brennenden Problemen einer großen Zahl von Menschen widmen, für die derzeit niemand spricht - solche Künstler finden ein Publikum. Und wenn sie Ärger mit den Mächtigen bekommen, wird das selbst zur öffentlichen Frage. Wie viele Film- oder Fernsehkünstler können heute in Amerika von sich behaupten, sich zugunsten der Wahrheit über die offizielle Meinung hinweggesetzt zu haben, unabhängig von den Folgen? Wahrlich nicht viele.

In unseren Augen ist es zunächst einmal wichtig, etwas von Bedeutung zu sagen zu haben. Taktik und Strategie stellen sich ein.

Der derzeitige Streik, wird, so hoffen wir, einige der ernsthaften Autoren und andere diesen Fragen näher bringen.

Siehe auch:
Journalist verklagt US-Sender, weil er dem Druck der Rechten geopfert wurde
(3. Oktober 2007)
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