Vertreter der holländischen Wirtschaft fühlen sich durch die einwandererfeindliche Rhetorik der niederländischen Parteien ermutigt, selbst eine rassistische Hexenjagd zu eröffnen, um die unterdrücktesten Schichten zum Sündenbock für die immer schärferen sozialen und ökonomischen Probleme zu machen.
Der Tageszeitung Het Financieele Dagblaad zufolge verkündete Jaap Blokker im Jahresbericht der Blokker Holdings, dass die "gesamte Asylanten- und illegale Einwanderer-Industrie" für die meisten bewaffneten Überfälle in den Niederlanden verantwortlich sei. In einem Laden zu arbeiten, behauptete Blokker, bedeute, "mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal eine Pistole an den Kopf oder ein Messer an den Hals gesetzt zu bekommen", und die meisten Rauüberfälle würden von Marokkanern, Osteuropäern oder von Personen begangen, die von den Antillen stammten. Sie würden von politisch korrekten und übermäßig nachsichtigen Politikern geradezu ermutigt.
Blokker ist Mitbesitzer des Einzelhandelsimperiums Blokker Holdings, das 2.400 Geschäfte der Ketten Xenos, Bart Smith, Leen Baaker, Casa und Marskamer in Einkaufsstraßen kontrolliert.
Blokkers Kommentare wurden von MKB Nederland unterstützt, einem Arbeitgeberverband und politischen Lobbyisten, der angibt, etwa 125.000 kleine und mittlere Unternehmen in den Niederlanden zu vertreten. Dem Guardian zufolge stimmt MKB Nederland mit Blokker überein, dass Einwanderer zu viele Verbrechen begingen und dass die Regierung für schärfere Gefängnisstrafen für Ladendiebe sorgen müsse.
MKB Nederland behauptet, das Problem sei in Rotterdam besonders akut, wo es einen hohen Anteil an Einwanderern gebe und wo die extrem rechte Liste Pim Fortuyn (LPF) Anfang des Jahres zu Berühmtheit gelangte, als sie im Gemeinderat eine beherrschende Stellung erlangte. Eine ungenannte Polizeiquelle teilte dem Guardian mit, dass in Rotterdam 90 Prozent der Straßenkriminalität von Einwanderern begangen werde. Dies sei jedoch nicht überraschend, weil fast die Hälfte der Bevölkerung "ausländischen Ursprungs" sei.
Gleichzeitig mit den Bemerkungen Blokkers und von MKB Nederland gab Het Parool zufolge der holländische Elektrokonzern Philips bekannt, er werde in den Niederlanden arbeitslosen Einwanderern keine Arbeitsplätze mehr anbieten, weil sie nicht ausreichend niederländisch sprächen. Philips, einer der weltweit führenden Produzenten von elektronischen Gebrauchsgütern, ist in 60 Ländern vertreten, von denen in den wenigsten die erste Sprache holländisch ist. Nach den größten Verlusten in ihrer Geschichte hat die Firma 2001 einen umfangreichen Arbeitsplatzabbau durchgeführt; 12.000 der 188.600 Beschäftigten erhielten ihre Kündigung.
Neben Philips sind auch andere führende holländische Unternehmen und Finanzinstitute in Schwierigkeiten, und die Jagd auf Einwanderer ist ein altbewährtes Hilfsmittel, um von den scharfen wirtschaftlichen Maßnahmen abzulenken, die ergriffen werden, um die Sozialausgaben zu reduzieren und die Profitrate zu verteidigen.
Die Amsterdamer Börse entwickelt sich sehr unsicher, nachdem der Finanzgigant Aegon einen Gewinnrückgang von 77 Prozent eingestanden und die führende Bank ABN Amro in den ersten beiden Quartalen 2002 einen Gewinneinbruch von 60 Prozent erlitten hat. Nach Angaben des Zentralen Planungsbüros wird die Arbeitslosigkeit auf 385.000 ansteigen und das Haushaltsdefizit viermal höher ausfallen als erwartet. Die Wachstumsprognosen sind von 2,25 auf 1,5 Prozent korrigiert worden. Drauf wurden Forderungen nach noch schärferen Einsparungen im sozialen Bereich laut, als sie die neue Regierung sowieso schon eingeplant hatte.
Die einwandererfeindliche Rhetorik, die den Wahlkampf beherrscht hatte, erreichte nach der Ermordung von Pim Fortuyn ungeahnte Ausmaße. Fortuyns ständig wiederholte Wahlkampfparole lautete: "Das Boot ist voll." Dieser Standpunkt wurde von allen großen Parteien geteilt, die versuchten, zahlreiche antidemokratischer Maßnahmen mit dem Vorwand gegen die Bevölkerung durchzusetzen, dass Schritte gegen die Einwanderer den sozialen Niedergang aufhalten könnten.
Die neue Koalitionsregierung von LPF, Christlich Demokratischem Appell (CDA) und Liberalen (VVD) hat Grenzpatrouillen und verstärkte Polizeieinsätzen angekündigt, um Asylbewerber und "illegale" Einwanderer aufzuspüren und abzuschieben. Sie knüpft damit an die Politik ihrer Vorgängerin, der "Lila-Koalition" unter der Führung der holländischen Arbeiterpartei (PvDA) an. Sie will ganze Regionen zu gefährdeten Gebieten ernennen, in denen die Polizei Straßensperren errichten kann, um nach illegalen Einwanderern zu suchen.
Die Niederlande sind immer noch ein reiches Land. Ihre Wirtschaft war im Jahre 2000 die fünfzehntgrößte der Welt, größer als die der gesamten russischen Föderation. Ihre Bevölkerung von 16,2 Millionen nimmt nur langsam zu. Dem zentralen Amt für Statistik der Niederlande zufolge erhielten 2001 lediglich 27.000 Menschen Asyl. Der Anteil der Bewerber aus der früheren Sowjetunion, Angola, Sierra Leone und dem Sudan hat zugenommen, während die Zahlen aus dem Iran, Afghanistan, Somalia und dem Irak zurückgehen. Diese an sich schon geringe Zahl sinkt aufgrund des Fremdengesetzes der Kok-Regierung weiter. Der Nachrichtenagentur ANP zufolge werden jetzt ein Drittel aller Asylanträge sofort abgewiesen, während die Rechte der Asylbewerber, diese Entscheidung gerichtlich überprüfen zu lassen, eingeschränkt werden.
Der Angriff der PvDA auf das Asylrecht hat zwangsläufig die Zahl der Immigranten ohne legalen Status erhöht. Unter diesen Bedingungen ist die zunehmende Kleinkriminalität ein Zeichen für das Ausmaß an Verzweiflung, in die Teile der Bevölkerung gestoßen wurden. Dennoch sind die Zahlen insgesamt noch gering. Es wird geschätzt, dass im Jahr 2001 46.000 bis 110.000 Menschen auf der Flucht vor Armut, Krieg und Katastrophen inoffiziell in die Niederlande eingereist sind.
Ein Bericht der Rotterdamer Erasmus-Universität stellte fest, dass Tausende abgelehnter Asylbewerber vollständig von den Gaben sozialer oder religiöser Wohlfahrtsorganisationen abhängig sind. Der Bericht warnte, dass Tausende Menschen in die Obdachlosigkeit gezwungen würden, wenn diese Gruppen ihre Unterstützung einstellten. In Den Haag alleine widmen sich 25 Organisationen der Unterstützung abgelehnter Asylbewerber, während 40 Prozent der Kommunen keinerlei Unterstützung gewähren. Im April wurde das Rathaus von 20 abgelehnten Asylbewerbern besetzt, die vom Stadtrat aus ihren zeitweiligen Unterkünften geworfen worden waren.
Die PvDA-Regierung hatte noch kurz vor ihrer Abwahl einen Forschungsauftrag an die katholische Universität von Brabant vergeben, um zu untersuchen, wie zurückgewiesene Asylbewerber am besten in ihre Heimatländer abgeschoben werden können.
Einwanderer, denen es gelungen ist, einen legalen Status zu erhalten, gehören zu den unterdrücktesten Schichten der arbeitenden Bevölkerung. Die Säuglingssterblichkeit bei nicht-westlichen Einwanderern ist 30 Prozent höher als bei der übrigen holländischen Bevölkerung, Zahlen, die auf Armut und Stress zurückgeführt werden. Die Kindersterblichkeit bei Kindern eingewanderter junger Mütter liegt 60 Prozent höher als im Durchschnitt.
Ein Bericht des Verwey Jonker Instituts sagt aus, das türkische Arbeiter doppelt so oft und marokkanische Arbeiter anderthalb mal so oft "völlig arbeitsunfähig" und von der Arbeitsunfähigkeitsrente (WAO) abhängig seien wie Einheimische. Der Report nannte den "Stress einer Migrantenexistenz", "ein dauerhaft geringeres Ausbildungsniveau" und gefährlichere Arbeitsplätze als Gründe für diese Zahlen. Insgesamt 920.000 Personen fallen unter das Arbeitsunfähigkeitsprogramm, zwanzig Prozent von ihnen sind Einwanderer. Die neue Regierung will die Zahl derjenigen, die Anspruch auf dieses WAO-Programm haben, um 40 Prozent senken.
