Nachdem die Taliban ihre Kontrolle über einen großen Teil Afghanistans verloren haben und die Hauptstadt Kabul am 13. November in die Hände der Nordallianz gefallen ist, verfielen die USA und ihre Verbündeten in hektische Aktivitäten, um ein neues Regime zu installieren und das politische Vakuum zu füllen.
Der Zusammenbruch begann am 9. November, als die Nordallianz Mazar-e-Sharif, die strategisch wichtige Stadt im Norden Afghanistans, einnahm, und ihre Kontrolle schnell auf Herat im Westen und Taloqan im Norden ausweitete. Innerhalb weniger Tage hatte die Anti-Taliban Opposition ihr Gebiet von 10 Prozent des Landes auf fast 50 Prozent ausgedehnt. Im Norden gibt es nur noch einige Widerstandszentren der Taliban, speziell in ihrer Hochburg Kunduz.
Die Eroberungen der Nordallianz fielen ihr überwiegend ohne große Kämpfe in den Schoß. Amerikanische Bomber hatten die Frontlinien der Taliban wochenlang bombardiert und amerikanische Sondereinheiten und Militärberater halfen der Nordallianz bei ihren militärischen Planungen. Ein Schlüsselelement für den Zusammenbruch der Taliban scheint das Überlaufen zahlreicher Kämpfer und Kommandeure auf die Seite der Gegner gewesen zu sein. Einer der Überläufer war der Gouverneur der Provinz Bamyan.
Aber als die Nordallianz sich anschickte, auf die Hauptstadt Kabul vorzurücken, wiederholte Präsident Bush die amerikanische Forderung, die Hauptstadt nicht einzunehmen. Er erklärte am Wochenende: "Wir werden unsere Freunde ermutigen, weiter in den Süden vorzudringen, aber nicht Kabul einzunehmen." Bush machte diese Äußerungen nach einem Treffen mit dem pakistanischen Militärherrscher General Pervez Musharraf, der sich entschieden gegen eine von der Nordallianz dominierte Regierung in Afghanistan ausgesprochen hatte.
Da sie auf die Luftunterstützung, auf Berater und höchstwahrscheinlich auch auf Waffen- und Finanzhilfe der USA angewiesen sind, hatten die Führer der Nordallianz versprochen, vor den Toren von Kabul halt zu machen, um den USA und der UNO Zeit für Verhandlungen mit anderen potentiellen Kandidaten für die Teilnahme an einer neuen Regierung zu geben. Am frühen Dienstag morgen zogen die Taliban jedoch plötzlich aus Kabul ab und setzten sich in Richtung ihrer Hochburg Kandahar im Süden ab. Daraufhin rückten die Truppen der Nordallianz zügig in die Hauptstadt ein.
Die neuesten Nachrichten berichten über weitere Rückschläge der Taliban im Süden Afghanistans, wo die amerikanische CIA aktiv versucht hat, Opposition unter den paschtunischen Stämmen zu schüren. Jalalabad soll schon in die Hände einer Anti-Taliban-Gruppe gefallen sein, und ein Sprecher der Nordallianz behauptet, dass ihre Truppen mit der Unterstützung paschtunischer Rebellen auch schon in Kandahar eingedrungen seien. Das volle Ausmaß der Verluste der Taliban ist noch nicht klar, aber ihre Kontrolle scheint auf ca. 20 Prozent des Landes geschrumpft zu sein.
Der Charakter der Nordallianz wurde bei einer ganzen Reihe von standrechtlichen Erschießungen von Taliban-Kämpfern durch ihre Truppen deutlich - in einigen Fällen vor den Augen westlicher Fotografen und Journalisten. Eine Sprecherin der UNO, Stephanie Bunker, bestätigte, dass die Nordallianz mehr als 100 Taliban-Kämpfer, größtenteils junge und unerfahrene Rekruten, in Mazar-e-Sharif massakriert hat, die sich in einem Schulgebäude versteckt hatten. Zahlreiche Fälle von Plünderungen wurden ebenfalls gemeldet.
Während sich die US-Regierung noch selbst beglückwünscht, die Implosion des Taliban-Regimes erreicht zu haben, hat das Vorrücken der Nordallianz die Bedingungen für neue politische Konflikte geschaffen, die sich aus dem Kampf der verschiedenen afghanischen Fraktionen um die Beute ergeben werden. Die Nordallianz ist selbst eine uneinheitliche Koalition lokaler Warlords und ethnischer Milizen, die wiederholt die Seiten gewechselt und gegeneinander gekämpft haben. Das Bindemittel, das die Allianz zusammenhält, ist die Feindschaft aller Fraktionen und ihrer ausländischen Hintermänner - Russland, Iran und Indien - gegen die Taliban.
Nach der Einnahme Kabuls versucht die Nordallianz jetzt vorsichtig, die Bedingungen für eine neu zu bildende Regierung zu diktieren. Sie hat die Bildung einer Übergangsregierung bekannt gegeben, wichtige Ministerien übernommen und die Einberufung einer Versammlung der afghanischen Gruppen in Kabul gefordert, um über die politische Zukunft des Landes zu entscheiden. Aber die USA und Großbritannien sind im Verein mit der UNO und ihrem Sondergesandten für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, entschlossen, einer neuen afghanischen Regierung ihren Stempel aufzudrücken.
Zwar hat die Bush-Regierung eng mit den Truppen der Nordallianz zusammengearbeitet, aber sie hat Bedenken gegen eine von ihr dominierte Regierung in Kabul. Washington hat auf die Gefahr hingewiesen, dass die Nordallianz, die sich weitgehend aus den ethnischen Minderheitsgruppen im Norden des Landes rekrutiert, Vertreter der paschtunischen Mehrheit im Süden des Landes ausschließen könnte. Vorsichtig wurde auch auf die blutige Bilanz der Gruppen der Nordallianz hingewiesen, die sich 1992-96 im Kampf um die Kontrolle über Kabul gegenseitig bekämpften, dabei einen großen Teil der Hauptstadt zerstörten und etwa 50.000 Menschen töteten.
Die wirklichen Bedenken drehen sich aber nicht um die ethnische Zusammensetzung einer neuen afghanischen Regierung oder die Grausamkeiten, die die verschiedenen Fraktionen und Milizen in der Vergangenheit verübt haben. Die zentrale Frage ist, wer letztlich die politische Kontrolle in Afghanistan ausüben und Einfluss auf die benachbarte zentralasiatische Region gewinnen wir, die reich an Bodenschätzen ist. Washington hat nicht einen Krieg gegen Afghanistan geführt, um dann die Kontrolle an eine afghanische Gruppe, und damit an deren ausländische Hintermänner, abzutreten.
Diplomatische Manöver
Die meisten afghanischen Gruppierungen gehen auf die Mudjahedin-Gruppen zurück, die in den achtziger Jahren für den Kampf gegen das von der Sowjetunion gestützte Regime finanziert und bewaffnet worden waren. Nach dem Zusammenbruch des Regimes 1992 ging der Konflikt weiter, weil die Nachbarstaaten um Einfluss in Afghanistan kämpften, indem sie ihre jeweiligen Stellvertreter unterstützten. Das gegenwärtige diplomatische Gerangel ist daher eine komplizierte politische Gleichung zwischen all diesen Gruppen und ihren ausländischen Hintermännern.
Pakistan sah sich unter dem Druck der USA gezwungen, seine Unterstützung für die Taliban zu beenden, und ist verzweifelt bemüht, seine Position wieder zu gewinnen, indem es den Einschluss "gemäßigter Taliban" und anderer Paschtunenführer in eine neue Regierung verlangt. Die Stützen der Nordallianz - Russland, Iran und Indien - haben sich öffentlich gegen eine Beteiligung ehemaliger Taliban-Führer ausgesprochen.
Diese Fragen werden gegenwärtig von der "Sechs plus Zwei"-Gruppe zu Afghanistan im Rahmen der Vereinten Nationen ausgehandelt - d.h. von den USA und Russland sowie den sechs Nachbarstaaten China, Pakistan, Iran, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Jeder stimmt mit der allgemeinen Formulierung einer "breiten, multiethnischen, repräsentativen" Regierung überein, aber wer genau wie stark beteiligt sein soll und wer den Prozess überwachen soll, ist sehr umstritten.
Die USA versuchen den diplomatischen Prozess so weit wie möglich zu beschleunigen. Ein Diplomat berichtete nach einem Treffen der "Sechs plus Zwei"-Gruppe, US-Außenminister Colin Powell habe betont, jetzt gehe es um "Tempo, Tempo, Tempo". Die amerikanischen Vorschläge zielen darauf ab, die Nordallianz zu hindern, in Kabul eine de-facto Regierung zu konsolidieren. Powell hat sich dafür ausgesprochen, Kabul zu einer "offenen Stadt" unter der Kontrolle einer UNO-Truppe zu machen, die von Truppen aus islamischen Ländern wie der Türkei, Indonesien und Bangladesch angeführt werden könnte. Der britische Premierminister Tony Blair drängt die UNO, in Kabul "so bald wie möglich" eine Präsenz zu schaffen, und hat mehrere Tausend Soldaten in Alarmbereitschaft versetzt.
Diplomatische Initiativen jagen einander. Der US-Sondergesandte bei der afghanischen Opposition, James Dobbins, ist zu dringenden Gesprächen über eine neue Regierung nach London, Rom, Ankara, Taschkent, Duschanbe und Islamabad entsandt worden. In Rom traf er den afghanischen Exilkönig, den 87-jährigen Zahir Shah, um dessen Rolle in einem künftigen Arrangement zu diskutieren. Die letzte Station von Dobbins' Reise wird das pakistanische Peshawar sein, wo er mit verschiedenen afghanischen Exilführern konferieren will.
Der UN-Sondergesandte Lakhdar Brahimi, der ein Treffen afghanischer Führer gefordert hat, um eine zweijährige Übergangsregierung zu diskutieren, wird ebenfalls zu Gesprächen nach Pakistan reisen. Als er seinen Plan der UNO vortrug, legte er Wert darauf, dass die UNO nicht beabsichtige, Vertreter "einzufliegen" und wie in Osttimor oder dem Kosovo ein Protektorat zu errichten, sondern die Afghanen selbst auffordern werde, die Führung zu übernehmen.
Aber trotz aller Versuche, die Vorschläge der USA und der UNO für eine "breite" und "repräsentative" Regierung in Afghanistan im positiven Licht erscheinen zu lassen, sind die verschiedenen Pläne ein durchsichtiger Versuch, eine neo-koloniale Regierung von Gnaden der Großmächte einzusetzen. Was immer die Meinungsverschiedenheiten und Konflikte sein mögen, die zwischen den Großmächten, den Regionalmächten und den afghanischen Fraktionen aufkommen - eins ist sicher: Die jetzt diskutierten politischen Formeln sehen keine demokratische Beteiligung des afghanischen Volkes vor.
