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Kohl zollt Suharto großen Respekt und Zustimmung"
Von Ulrich Rippert
27. Mai 1998
Mit den Worten Mein lieber Freund" beginnt das Telegramm
von Kanzler Kohl an Suharto, mit dem er zu dessen Rücktritt
Stellung nimmt. Weiter heißt es, er nehme dessen Entscheidung
mit großem Respekt und Zustimmung" zur Kenntnis.
Suharto habe mit diesem Schritt wesentlich dazu beigetragen, weiteres
Blutvergießen zu vermeiden und damit die innere Lage und
Sicherheit des Landes zu stabilisieren".
Die Freundschaft zwischen Kohl und dem korrupten und brutalen
Diktator in Jakarta währt bereits seit vielen Jahren. Lange
bevor er den Chefsessel im Kanzleramt besetzte, pflegte Kohl gute
Beziehungen zu General Suharto, wohlwissend, daß dieser
durch ein ungeheuerliches Blutbad an die Macht gekommen war. Die
Angaben über die Zahl der Toten schwanken zwischen 500 000
und einer Million. Auch als Suharto Mitte der siebziger Jahre
Ost-Timor gewaltsam besetzte und abermals mehrere hunderttausend
Menschen ermorden ließ, änderte Kohl seine freundschaftliche
Haltung nicht, sondern baute die wirtschaftliche und militärische
Zusammenarbeit aus.
Viele der Waffen, die in den vergangenen Tagen und Wochen gegen
die Studenten und Arbeiter in Indonesien gerichtet wurden, stammen
aus Deutschland: Maschinengewehre von Heckler und Koch ebenso
wie Kleinpanzer von MAK Systemtechnik. Der Rüstungskonzern
MBB vergab die Lizenz zum Bau von Hubschraubern bereits vor Jahren
an das indonesische Flugzeugwerk IPTN, das im Besitz des neuen
Präsidenten Jusuf Habibie ist.
Habibie spielte eine Schlüsselrolle in der deutsch-indonesischen
Zusammenarbeit und wurde dafür vor wenigen Monaten mit dem
höchsten deutschen Orden für ausländische Politiker,
dem Großkreuz, ausgezeichnet. Seine Schwester Sri Rahayu
sitzt in der Geschäftsführung des indonesischen Büros
der Ferrostahl AG - einer Tochter des MAN-Konzerns - die als Generalbevollmächtigte
für ein großes deutsches Firmenkonsortium auftritt.
Führende indonesische Militärs wurden auf der Bundeswehr-Führungsakademie
ausgebildet und General Prabowo, ein Schwiegersohn Suhartos, der
bis vor wenigen Tagen Chef der berüchtigten Eliteeinheit
Kopassus war, hat seine Ausbildung bei der deutschen Anti"-Terror
Einheit GSG9 erhalten. Als sich die Massendemonstrationen Anfang
des Jahres verstärkten, bot der Berliner Innensenator Schönbohm
(CDU) aktive Unterstützung zur Stärkung und Ausbildung
der Polizei in Jakarta an. Berlin und Jakarta sind Partnerstädte.
Daß Kohl derart schamlos einem der blutigsten und verhaßtesten
Diktatoren Lob und Anerkennung ausspricht und öffentlich
seine Freundschaft bekundet, wirft grelles Licht auf die politischen
Verhältnisse in Deutschland. Es gibt niemanden in der offiziellen
Politik dieses Landes, der ihm in dieser Frage widerspricht oder
ihn zur Ordnung ruft.
Die Sozialdemokraten schicken sich gerade an, die Regierungsverantwortung
zu übernehmen und preisen sich als bessere und konsequentere
Interessensvertreter der Unternehmer. Auch ihr Verhalten gegenüber
Suharto und seinem Clan war und ist von den wirtschaftlichen Interessen
der Konzerne und Banken bestimmt. Kanzlerkandidat Schröder
hatte sich 1995 als Niedersächsischer Ministerpräsident
persönlich dafür eingesetzt, Indonesien zum Partnerland
der Hannover Messe zu machen.
An der Spitze der Grünen macht sich Joschka Fischer immer
noch Hoffnungen, in einer Schröder-Regierung den Posten des
Außenministers zu übernehmen, und verwahrt sich entschieden
selbst gegen die zaghafteste Kritik an den außenpolitischen
Interessen der deutschen Wirtschaft aus den Reihen der Grünen.
Den Standpunkt der Gewerkschaften machte Hans Berger deutlich,
als er vor zwei Jahren in seiner Funktion als Vorsitzender der
Industriegewerkschaft Bergbau und Energie und SPD-Abgeordneter
im Bundestag an der sechzigköpfigen Wirtschaftsdelegation
teilnahm, mit der Kanzler Kohl seinen Freund Suharto besuchte,
um die wirtschaftliche Zusammenarbeit auszubauen und zu intensivieren.
Zwar nehmen Korruption und Vetternwirtschaft hierzulande noch
nicht derart sichtbare Formen an wie in Indonesien, aber die Fäulnis
der politischen Verhältnisse ist auch hier weit fortgeschritten.
Alle Bonner Parteien sind gleichgeschaltet und vertreten ohne
Unterschied die Interessen der Wirtschaft, während die Wut
und Empörung der Bevölkerung über die hemmungslose
Bereicherung an der Spitze der Gesellschaft ständig weiter
zunimmt.
Es wird höchste Zeit, daß der Kanzler, der oft über
den Terror des Kommunismus" geifert und systematisch
demokratische Rechte abschafft, genauso aus dem Amt gejagt wird,
wie sein Freund Suharto. Die Verbündeten der indonesischen
Studenten und Arbeiter befinden sich vor allem in den deutschen
Fabriken und geraten dort immer schärfer in Konflikt mit
Suharto-Freund Kohl und seiner Regierung.
Siehe auch:
Der Kampf für Demokratie in Indonesien
Welche sozialen und politischen Aufgaben stellen sich den Massen?
[27 Mai 1998]
Welche Gesellschaftsklassen unterstützen
den Kampf um Demokratie in Indonesien?
[21 Mai 1998]
Die Krise des Suharto-Regimes verschärft
sich Politische Kardinalfragen
für die indonesischen Massen
[19 Mai 1998]
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