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Der Kampf für Demokratie in Indonesien
Welche sozialen und politischen Aufgaben stellen sich den
Massen?
Erklärung der Redaktion
27. Mai 1998
Zum Ende dieser stürmischen und ereignisreichen Woche
schälen sich die entscheidenden politischen und sozialen
Fragen der indonesischen Krise schärfer heraus. Der offizielle
Rücktritt Suhartos hat die Tatsache unterstrichen, daß
die Probleme von politischer Unterdrückung, Arbeitslosigkeit,
Armut, ethnischer und religiöser Diskriminierungen und imperialistischer
Vorherrschaft viel tiefere Wurzeln haben, als die bloße
Habgier und Korruption eines einzelnen Herrschers.
Suhartos handverlesener Nachfolger und langjähriger Vertrauter
B.J.Habibie hat ein Kabinett vorgestellt, das viele der wichtigsten
Minister der früheren Regierung versammelt, darunter den
Armeechef General Wiranto als Verteidigungsminister und den früheren
Militärchef Feisal Tanjung als Koordinierender Minister für
politische Angelegenheiten. Erste Entscheidung dieses Militärregimes
war der Befehl an die Streitkräfte, das Parlament in Djakarta
gewaltsam von Tausenden Studenten zu räumen, die das Gebäude
besetzt hatten und umfassende demokratische Veränderungen
forderten.
Es wäre in der Tat schwierig, allen Ernstes zu behaupten,
Habibie würde auch nur einen Bruchteil der demokratischen
Bestrebungen des indonesischen Volkes verkörpern. Banker
und Politiker im Westen sind genauso skeptisch wie zahlreiche
Vertreter der Armee- und Geschäftskreise in Indonesien selbst,
ob der neue Präsident die Austeritätspolitik des Internationalen
Währungsfonds durchsetzen, die sozialen Unruhen beenden und
die ökonomische und politische Stabilität wiederherstellen
kann. Vom Weißen Haus in Washington bis zu den Büros
der bürgerlichen Opposition in Djakarta ertönt daher
der Ruf nach einem schnellen Übergang zu sogenannten echten
demokratischen Reformen.
Aber was ist der Inhalt der Demokratie", wie sie
kapitalistische Führer im Westen und Suhartos bürgerliche
Gegner im Lande für Indonesien erstreben? Sie alle akzeptieren
als Ausgangsbasis die Verpflichtung Indonesiens, seine Schulden
an die imperialistischen Banken und den IWF zurückzuzahlen.
Diese Finanzinstitute fordern als vorrangiges Ziel sogenannter
Reformprogramme, alle Beschränkungen für die Ausbeutung
der natürlichen Ressourcen und billigen Arbeitskräfte
des Landes im Interesse der transnationalen Konzerne aufzuheben.
Für Suharto und seinen Clan mögen die IWF-Reformen
einige Beschränkungen bei der Ausbeutung der nationalen Wirtschaft
bedeuten, aber keiner sollte so leichtgläubig sein anzunehmen,
ihre riesigen Vermögen würden nicht geschützt.
General Wiranto hat bereits versprochen, daß die Armee die
Suharto-Familie und ihre Unternehmen verteidigen werde.
Für die Millionen Arbeiter, Bauern und armen Menschen
dagegen bedeuten die IWF-Reformen das Ende von Preissubventionen
für die Waren des täglichen Bedarfs, weitere Massenentlassungen
und insgesamt eine unbeschreibliche Verschärfung des sozialen
Elends. Westliche Quellen sagen bereits jetzt eine rapide Steigerung
der offiziellen Arbeitslosenrate auf 20 Prozent voraus.
Anerkennt man die Ansprüche der internationalen Banken,
kann eine politische Reform nur darauf hinauslaufen, das Vokabular
und einige äußerliche Formen der Demokratie einzuführen,
um die brutalen Austeritätsmaßnahmen schmackhaft zu
machen und damit besser durchsetzen zu können. Aber selbst
wenn sie die Volksmacht" und ähnliches im Munde
führen, wird sich nichts daran ändern, daß die
wirkliche Macht in den Händen der Suharto-Militärs bleibt,
an denen das Blut von Hunderttausenden klebt.
Diese Farce einer Demokratie unterstreicht den schreienden
Widerspruch zwischen den tiefempfundenen demokratischen und sozialen
Bestrebungen der breiten indonesischen Massen und den egoistischen
Interessen einer sehr dünnen Schicht des Bürgertums
und der oberen Mittelschicht, die mit den imperialistischen Finanzinstituten
und Regierungen eng verbunden ist.
Demokratie für die Massen von Arbeitern, Bauern und Jugendlichen
bedeutet politische Freiheit, ein Ende der ethnischen, religiösen
oder rassischen Diskriminierung und die Befreiung vom Joch wirtschaftlicher
Ausbeutung und Armut. Man kann sie nicht verwirklichen, ohne die
grundlegenden sozialen Fragen anzugehen und zu lösen. Welche
Maßnahmen müssen getroffen werden, um den Grundstein
für eine derartige demokratische Entwicklung zu legen?
1. Einberufung einer konstituierenden Versammlung,
die auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts demokratisch
gewählt wird und den politischen Rahmen für echte Reformen
bildet. Eine solche Institution würde im Gegensatz zur Nationalversammlung
von Suhartos Gnaden, deren Abgeordnete in ihrer Mehrheit handverlesene
Beamte und die loyalsten Kandidaten der drei offiziellen Staatsparteien
sind, die Forderungen von Arbeitern, Bauern und den unterdrückten
Massen zum Ausdruck bringen. Um demokratische Wahlen zu ermöglichen,
müssen alle gesetzlichen Beschränkungen für politische
Parteien, für Meinungs- und Versammlungsfreiheit aufgehoben
werden. Alle politischen Gefangenen müssen sofort freigelassen
werden.
2. Befreiung der Bauern vom Joch politischer
und ökonomischer Unterdrückung. Millionen kleiner Bauern
führen eine klägliche Existenz, verschuldet gegenüber
den Kreditgebern, ohne Werkzeuge, Maschinen und Düngemittel,
und geplagt von ausgedehnten Dürreperioden. Viele sind durch
die Ausbreitung großer Agrarkonzerne von ihrem Land vertrieben
worden. Der Großgrundbesitz und die großen Plantagen
müssen verstaatlicht und unter Kontrolle der Bauern und Landarbeiter
gestellt werden, um den kleinen Bauern die notwendige Unterstützung
gewähren zu können.
2. Wirtschaftliche Sicherheit für die
Arbeiter und städtischen Armen. Millionen Arbeiter wurden
im vergangenen Jahr entlassen, und das Heer der Slumbewohner Djakartas
und anderer Städte schwillt schnell an. Jedem Arbeiter muß
ein Arbeitsplatz mit anständigem Lohn und vernünftigen
Arbeitsbedingungen garantiert sein. Nötig ist eine drastische
Erhöhung der Ausgaben für Sozialhilfe, Gesundheitswesen
und Wohnungsbau, um für alte Menschen, Behinderte und verarmte
Schichten zu sorgen. Alle jungen Menschen müssen Zugang zu
kostenloser und hochwertiger Ausbildung haben.
Ein erster Schritt dazu ist die Beschlagnahmung des Milliarden-Dollar-Vermögens
von Suhartos Familie und seiner Clique, sowie die Umwandlung ihrer
Firmen in öffentliche Unternehmen unter demokratischer Arbeiterkontrolle.
4. Völlige Gleichstellung aller religiösen
und ethnischen Gruppierungen in Indonesien. Seit der formalen
Unabhängigkeit Indonesiens hat die herrschende Klasse immer
wieder gezielt ethnische und religiöse Konflikte geschürt,
um die Arbeiter gegeneinander aufzuhetzen. Alle Gesetze und Bestimmungen,
die Chinesen und andere Gruppen bei Arbeitsplätzen, Bürgerrechten,
Bildung und anderen Rechten diskriminieren, müssen aufgehoben
werden.
5. Sofortiger Rückzug aller indonesischen
Truppen aus Osttimor und Schaffung freundschaftlicher Beziehungen
mit dem Volk des Landes. Hunderttausende haben während des
langen Krieges des Suharto-Regimes für die Vorherrschaft
über Osttimor ihr Leben verloren.
6. Befreiung von der Unterdrückung durch
imperialistische Banken und Regierungen. Die Forderungen des IWF
dienen der verschärften Ausbeutung der indonesischen Arbeiterklasse,
um die Profite für die transnationalen Konzerne drastisch
zu steigern. Der IWF-Plan muß ebenso zurückgewiesen
werden, wie die Milliarden Dollar Auslandsschulden an die internationalen
Banken.
Keine einzige Fraktion der indonesischen Bourgeoisie oder der
bürgerlichen Opposition wird auch nur eine dieser Maßnahmen
durchsetzen, am allerwenigsten Amien Rais, dessen islamische Organisation
zutiefst rassistisch ist und eine direkte Rolle in den blutigen
Massakern während Suhartos Militärputsch 1965/66 gespielt
hat.
Die ganze Nachkriegsgeschichte Indonesiens beweist die völlige
Unfähigkeit der Kapitalistenklasse, die Bedürfnisse
und Forderungen der arbeitenden Massen nach demokratischen Rechten
und einem vernünftigen Lebensstandard zu erfüllen. In
ihrer Unterwürfigkeit vor dem internationalen Finanzkapital
hat die Bourgeoisie immer wieder in der einen oder anderen Form
zum Mittel der Diktatur gegriffen, um ihre Herrschaft zu sichern.
Unter den heutigen Bedingungen ökonomischer und politischer
Umwälzungen bleiben ihr nur die brutalsten Methoden, um die
Diktate der Wirtschaft durchzusetzen.
Nur die Arbeiterklasse ist fähig, die unterdrückten
Massen auf den Weg wirklicher Demokratie zu führen, und dies
ist untrennbar mit dem Kampf für Sozialismus verbunden. Die
Arbeiter müssen beginnen, ihre eigenen demokratischen Organe
aufzubauen, sich mit den armen Bauern, den städtischen Armen
und den gebeutelten Akademikern verbünden und für die
Errichtung einer Arbeiter- und Bauernregierung kämpfen.
Siehe auch:
Welche Gesellschaftsklassen unterstützen
den Kampf um Demokratie in Indonesien?
[21. Mai 1998]
Die Krise des Suharto-Regimes verschärft
sich Politische Kardinalfragen
für die indonesischen Massen
[19. Mai 1998]
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