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Russlands Finanzkrise soll auf den Rücken der Arbeiterklasse
abgewälzt werden
Das neue Anti-Krisen-Programm setzt auf Massenentlassungen,
Preissteigerungen und Steuersenkung für Reiche
Von Wladimir Wolkow und Patrick Richter
8. Juli 1998
Anfang vergangener Woche legte die Regierung Kirijenko, begleitet
von einer bombastischen Medienkampagne, ein Anti-Krisen-Programm
vor, um den bedrängten Rubel zu stützen und die akute
Finanzkrise zu überwinden.
Das auf drei Jahre angelegte Programm sieht massive Kürzungen
der Staatsausgaben (nach früheren Angaben um umgerechnet
12,3 Mrd. DM), die Reduzierung des Personals im Regierungsapparat
um 20Prozent, eine beschleunigte Steuerreform und drastische Steuereintreibungen
vor.
Es kursieren Zahlen, daß bis zum Ende des Jahres Entlassungen
von 70.000 Staatsbediensteten und die Einführung einer 5prozentigen
Verkaufssteuer geplant sind. Auf der anderen Seite existieren
nach Angaben des Leiters des Staatlichen Steuerdienstes, Boris
Fjodorow Pläne, die Gewinnsteuern von 35 auf 20 Prozent zu
senken und die Vergünstigungen für Investoren drastisch
auszudehnen.
Hintergrund für diesen Schritt sind Verhandlungen mit
dem IWF über die Freigabe der nächsten 670 Mill. $-Tranche
aus dem 10 Mrd. $-Kredit, der an die strikte Einhaltung von Bedingungen
geknüpft ist. Infolge der sich Ende Mai zugespitzten Finanzkrise
wollte sich der IWF nicht mehr weiter mit Absichtserklärungen
zufrieden geben sondern von der russischen Regierung endlich Fakten
sehen.
Die derzeitige Krise ist seit letzten Herbst die dritte und
schwerste in einer Reihe von Erschütterungen, durch die Rußland
immer weiter an den Rand eines Wirtschaftszusammenbruches gedrängt
wird. Die ersten Erschütterungen wurden Ende Oktober/Anfang
November 1997 spürbar und standen im Zusammenhang mit der
starken Zuspitzung der "asiatischen Grippe". Sie machten
alle zeitweisen Erfolge der Regierung aus dem Jahre 1997 zur Stabilisierung
des Finanzsystems zunichte. Das zweite Mal brach die Krise Ende
Januar diesen Jahres aus, in deren Folge es zur Herabsetzung des
internationalen Kreditratings Rußlands und somit zu einer
sprunghaften Verteuerung seines Schuldendienstes kam.
Spätestens mit dem durch die Wiederaufnahme der Lohnzahlungen
erkauften Ende des Bergarbeiterstreiks geriet die Regierung mit
ihrer Politik des Löcherstopfens durch die permanente Aufnahme
immer neuer Kredite innen- und außenpolitisch in immer größere
Bedrängnis.
Erste Schwierigkeiten, den regulären Verkauf neuer kurzfristiger
Staatsanleihen (GKO) zur Finanzierung der Haushaltslöcher
auf den Finanzmärkten unterzubringen, traten bereits am 13.
Mai auf, nachdem durch ein am Vortag von Jelzin unterzeichnetes
Gesetz die Beteiligung ausländischen Kapitals an Rußlands
profitabelstem Energiekonzern "UES Rußland" beschränkt
wurde. Die Spirale der Finanzkrise begann sich zu drehen.
Ungeachtet einer ganzen Reihe von Regierungserklärungen,
daß auf den Finanzmärkten keinerlei Gefahren existierten,
sah sich die Zentralbank bereits am Abend des 18. Mai zu außerordentlichen
Schritten gezwungen und setzte den Refinanzierungssatz von 30
auf 50 Prozent herauf. Zu diesem Zinssatz können sich Geschäftsbanken
bei der Zentralbank Geld leihen, das sie wiederum an Unternehmen
weitergeben.
Spekulanten, die eine Währungsabwertung erwarten, nehmen
Rubel-Kredite auf, um diese in Dollar einzutauschen. Nach erfolgter
Abwertung bekommen sie für ihre Dollar erheblich mehr Rubel
und streichen die Differenz als ihren Gewinn ein. Doch trotz Zinserhöhung
erhöhte sich der Spekulationsdruck auf den Finanzmärkten
weiter.
Unmittelbarer Auslöser für das dritte Auflodern der
Krise wurde dann die fehlgeschlagene Privatisierung des Ölriesen
Rosneft für 2,1 Mrd. US-Dollar. Wegen des dramatischen Ölpreisverfalls
auf den Weltmärkten konnte kein Käufer gefunden werden.
Um die reguläre Unterbringung weiterer GKO's zur Finanzierung
des sich immer weiter vergrößernden Haushaltslochs
sicherzustellen, mußte die Regierung am 27. Mai die GKO-Verzinsung
auf 80 Prozent erhöhen, was eine regelrechte Panik auslöste,
die sich auf die Aktien- und Devisenmärkte übertrug.
Es kam zu rasanten Kurseinbrüchen. Allein an diesem Tag sackte
der Moskauer Aktienindex um 11 Prozent ab und hat im Vergleich
zum Jahresbeginn mittlerweile nahezu 50 Prozent verloren.
Der Kurs des Rubels durchbrach den, mit internationalen Finanzinstitutionen
festgelegten Schwankungsspielraumes von 6,2 Rubel pro US-Dollar.
Um eine Ausweitung von Chaos und Panik zu verhindern, ging die
Zentralbank zum Äußersten und erhöhte den Refinanzierungssatz
auf das Dreifache, von 50 auf 150 Prozent.
Der zunehmende Vertrauensverlust von Banken und Unternehmen
in die Regierung konnte aber auch dadurch nicht überwunden
werden. Die Befürchtung, daß die Regierung nicht in
der Lage sein wird, ihren Verpflichtungen nachzukommen, hatte
zu Panikverkäufen von GKO's und Aktien russischer Unternehmen
geführt. Die damit erlösten Rubel wurden in Dollar umgetauscht
und setzten die Währung erneut unter Druck.
Die Schwäche der Regierung zeigt sich auch in den sinkenden
Steuereinnahmen. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden nicht
mehr als 40 Mrd. Rubel (ca. 6,6 Mrd. Dollar) durch Steuern eingenommen,
eine Situation, die sich im April noch weiter verschlechterte.
Demgegenüber wird allein der Schuldendienst für GKO's
im zweiten Quartal mehr als 120 Mrd. Rubel (ca. 19,7 Mrd. Dollar)
erfordern. Jede Erhöhung der Zinsen um 1Prozent führt
zu einer weiteren Erhöhung der Schuldenlast um mindestens
600 Millionen Dollar.
Jüngsten Angaben Kirijenkos zufolge müssen bereits
jetzt 34 Prozent des Staatshaushaltes für die Tilgung der
Schulden aufgebracht werden, worin jedoch nicht die noch ausstehenden
Lohnzahlungen enthalten sind, die am 1. Juni ein Volumen von 19
Mrd. DM erreichten.
Während die Regierung versucht, durch drastische Zinserhöhungen
die Spekulationsgelder einzudämmen, schnürt sie gleichzeitig
der Wirtschaft die Geldzufuhr ab und versetzt ihr dadurch einen
schweren Schlag.
Die Zeitung Komsomolskaja Prawda schrieb am 29. Mai:
"So kann über den wirtschaftlichen Aufschwung, der den
Russen in diesem Jahr versprochen worden ist, ein Kreuz geschlagen
werden. Zu solch gigantischen Zinsen, wie sie jetzt festgesetzt
worden sind, kann kein Unternehmen bei einer Bank Geld aufnehmen
und die Produktion in Gang halten. Es ist unmöglich, Kredit
aufzunehmen, um Löhne auszuzahlen oder eine Wohnung zu kaufen".
"Am unangenehmsten ist es", erklärte der Kommentator
der Iswestja, W.Nikonow, "daß die Chancen auf
ein wirtschaftliches Wachstum begraben werden mußten, an
das die Hoffnungen von Präsidenten und Regierung geknüpft
waren, die wichtigsten sozialen und wirtschaftlichen Lücken
in diesem Jahr schließen zu können" (2. Juni).
Es gibt viele weitere Hinweise darauf, daß sich die wirtschaftliche
Lage Rußlands dramatisch verschlechtert. Die Goldreserven
schrumpften von 22,9 auf 14,7 Mrd. Dollar. Das Bruttosozialprodukt
sank allein im Mai um 1,2 Prozent gegenüber dem gleichen
Vorjahresmonat. Am 8. Mai mußte die Tokobank, eine der größten
russischen Banken, nachdem sie ihre Zahlungsunfähigkeit bekanntgab,
von der Zentralbank unter Zwangsverwaltung gestellt werden.
Die durch die Asienkrise noch verstärkten weltweiten deflationären
Tendenzen führten zu einem immer stärker werdenden Verfall
der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt. Die Preise für Erdöl
halbierten sich von 25 Dollar pro Barrel im Januar 1997 auf weniger
als 13 Dollar im Juni 1998, die für Schwer- und Edelmetalle
fielen im gleichen Zeitraum auf 30 Prozent. Rußlands Exporte
sinken angesichts dieser Entwicklung ständig und gingen schon
im ersten Quartal vergangenen Jahres um 15 Prozent zurück,
was wiederum sinkende Steuereinnahmen zur Folge hat.
Die Regierung kann ihre Politik des Lavierens und der halben
Maßnahmen nicht länger fortsetzen. Eingekeilt zwischen
dem wachsenden Druck der Arbeiter, von denen viele seit Monaten
auf ihren Lohn warten und sich nicht länger mit leeren Versprechungen
abspeisen lassen wollen, und den drastischen Forderungen des IWF,
steht sie mit dem Rücken zur Wand.
Ein weiteres Aufblasen der Schuldenpyramide würde unabwendbar
den Zusammenbruch der Staatsfinanzen zur Folge haben. Die Konsequenz
wäre eine Abwertung des Rubels um zweistellige Prozentwerte
und die Entfesselung einer Hyperinflation mit verheerenden Folgen
für Wirtschaft und Gesellschaft. Die deutsche Wirtschaftszeitung
Handelsblatt zitiert in ihrer Ausgabe vom 1. Juli den russischen
Finanzminister Michael Sadornow mit den Worten: "Nicht mehr
als 30 der 1500 Banken würden eine Abwertung überleben."
Angesichts dieser Situation beschäftigt sich Präsident
Jelzin seit mehreren Monaten mit der Bildung einer neuen Regierung,
die bereit und in der Lage ist einen neuen, viel härteren
Angriff auf die Rechte und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse
durchzusetzen. Bei der Berufung Kirijenkos zum Premierminister
hat er sich für einen Mann entschieden, der diesem Programm
des IWF treu ergeben ist. Kirijenko ist ein kaltblütiger
Technokrat, dessen Karriere im Schoß der Sowjetbürokratie
begann.
Aus dem selben Grund wurde der von den internationalen Finanzinstitutionen
für seine Entschlossenheit anerkannte Reformer Anatoli Tschubais
am 17. Juni von Jelzin wieder in Amt und Würden eingesetzt.
Er war auf Betreiben der russischen Finanzoligarchie, die durch
seine Reformen einen zu großen Einfluß des internationalen
Kapitals befürchtete, wegen eines Korruptionsskandals im
März als Vize-Premier entlassen worden.
Die Moskauer Wirtschaftszeitung Kommmersant-Daily brachte
ihre Verwunderung über die neuerliche Berufung unter dem
biblischen Titel "Die Dritte Erscheinung" zum Ausdruck.
Kein anderer als Tschubais unterhält so enge Verbindungen
zu IWF und Weltbank. "Wir haben nur einen Tschubais"
erklärte Jelzin sein Festhalten an dem bereits zweimal Entlassenen,
der einen neuen IWF-Kredit von bis zu 15 Mrd. Dollar aushandeln
soll. Die von Tschubais angekündigten Maßnahmen dürften
den IWF zufriedenstellen: weitere Haushaltskürzungen um mehr
als 40 Mrd. Rubel (ca. 6,6 Mrd. Dollar) oder 8 Prozent des Staatshaushaltes
und eine Erhöhung der Steuereinnahmen.
Mit Boris Fjodorow wurde ein ehemaliger Finanzminister zum
Chef der Steuerbehörde ernannt, der wegen seines damaligen
"Übereifers" ebenfalls mit der Finanzoligarchie
zusammenstieß. Das renommierte britische Finanzjournal The
Economist bemerkte dazu am 27. Juni folgendes: "Die Regierung
Kirijenko wird durch Boris Fjodorow und die Wahl von Anatoli Tschubais
mit zwei der konsequentesten und bewußtesten Reformer Rußlands
unterstützt. ... Unbemerkt bekam Rußland nun seine
seit 1992 am einheitlichsten reformorientierte Regierungsmannschaft".
Mit dieser Politik wird ein offener Schlag gegen die große
Mehrheit der Bevölkerung vorbereitet. Vor allem die noch
zahlreichen staatlich subventionierten Betriebe und Bergwerke
drohen nun reihenweise geschlossen zu werden. Das wird zu heftigen
Klassenauseinandersetzungen führen. Die jüngsten Bergarbeiterstreiks,
die große Teile des Landes lahmlegten, waren nur das Donnergrollen
am Horizont. Die lange hinausgezögerte Konfrontation mit
der Arbeiterklasse kann nun nicht mehr verschoben werden.
Sowohl die herrschende Elite Rußlands als auch die führenden
Kreise des IWF bereiten sich auf gewaltsame Methoden vor. Trotz
ihrer gegensätzlichen Interessen sind sie sich in ihrer Feindschaft
gegenüber der Arbeiterklasse einig. Hinter der dünnen
und lächerlichen Fassade der "russischen Demokratie"
mit ihren unbeschränkten Vollmachten für den Präsidenten,
laufen die Vorbereitungen auf ein anderes, diktatorisches Regime
auf vollen Touren.
So wird General Lebed, der vor fünf Wochen mit massiver
finanzieller Unterstützung von Boris Beresowski, dem reichsten
Mann Rußlands, zum Gouverneur der sibirischen Region Krasnojarsk
gewählt wurde und der gleich nach seinem Amtsantritt das
Verwaltungsbudget um 30 Prozent kürzte, unabhängig von
der Gunst Jelzins als Präsidentschaftskandidat aufgebaut.
Auch im Westen wird er zunehmend als künftiger Partner
angesehen. Am 25. Juni erhielt er in Frankfurt am Main, in Anwesenheit
von Regierungsvertretern den Hessischen Friedenspreis. Die Laudatio
hielt Egon Bahr, der Architekt der "neuen Ostpolitik"
der siebziger Jahre und ehemalige Ostberater der Brandt-Regierung.
Doch der Lorbeeren nicht genug: neben seiner Stilisierung zum
Friedensstifter wurde General Lebed dabei gleich noch zum "Demokraten"
gekürt. Einen "Kranz, den aufzusetzen ich nicht die
Kühnheit besitze" zeigte sich selbst Lebed über
diese Ehrenbezeigung verwundert.
Die kommende Entwicklung in Rußland stellt die Arbeiterklasse
vor die dringende Aufgabe selbst die Initiative zu ergreifen und
als eigenständige politische Kraft in die gesellschaftliche
Entwicklung einzugreifen. Das erfordert vor allem eine grundlegende
politische Abrechnung mit dem Stalinismus.
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