Helen Halyard (1950-2023): Ein Leben für die Befreiung der Arbeiterklasse

Helen Halyard, Oktober 2022

Helen Halyard, ein führendes Mitglied der Socialist Equality Party (USA), starb überraschend am 28. November 2023 im Alter von 73 Jahren.

Helen kämpfte während ihres gesamten politischen Lebens, mehr als 50 Jahre lang, für die Perspektive einer sozialistischen Weltrevolution. Sie schloss sich 1971 den Young Socialists, der Jugendbewegung der Workers League, an und wurde bald darauf auch Parteimitglied. Ihre Entscheidung für die trotzkistische Bewegung war ein sehr bewusster politischer Schritt. Es war das Ergebnis ihrer politischen Radikalisierung unter dem Einfluss sowohl der Bürgerrechtskämpfe in den Vereinigten Staaten als auch der Bewegung gegen den Krieg in Vietnam.

Helen hatte sich zunächst einer radikalen Jugendgruppe namens Third World Liberation Front angeschlossen. Doch schnell erkannte sie, dass das eigentlich Notwendige eine revolutionäre Perspektive war, die auf die Vereinigung der gesamten Arbeiterklasse abzielte. Sie brach mit jeder Perspektive eines schwarzen oder „Dritte-Welt“-Nationalismus und schloss sich stattdessen der einzigen Perspektive an, die die Vereinigung der internationalen Arbeiterklasse auf der Grundlage eines revolutionären Programms anstrebte. Für diese Perspektive kämpfte nur die trotzkistische Bewegung, verkörpert im Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI). In den Vereinigten Staaten war das damals die Workers League und ihre Jugendgruppe, die Young Socialists. (Heute ist es die Socialist Equality Party, SEP, und die International Youth and Students for Social Equality, IYSSE).

Helen an einem Marsch für Arbeitsplätze, als Kandidatin für das Bürgermeisteramt von Detroit, August 1985

Von ihren ersten Tagen in der Partei an zeichnete sie sich durch Energie, Entschlossenheit und politische Ernsthaftigkeit aus. Helen wurde in den Parteivorstand der Workers League und zur nationalen Sekretärin der Young Socialist gewählt. Im März 1974 war sie die erste Kandidatin für ein öffentliches Amt in der Geschichte der Workers League, als sie für den Kongress im 12. Wahlbezirk von New York kandidierte, zu dem auch Bedford-Stuyvesant und dessen Umgebung in Brooklyn gehörten.

In ihrer ersten Wahlkampfankündigung erklärte sie:

Ich bin in Brownsville geboren und in Bedford-Stuyvesant aufgewachsen. Heute gibt es in den Vierteln, in denen ich lebte, in der Nähe von Gates und Stuyvesant praktisch nur noch Leerbestand oder sehr alte Mietshäuser. Ich ging in die Junior High School 57 und besuchte die Franklin Delano Roosevelt High School. Im Stadtteil Bedford-Stuyvesant in Brooklyn befinden sich einige der schlechtesten Schulen des Landes. Die Gebäude sind heruntergekommen, und die Mittel für die Ausstattung der Schulen wurden drastisch gekürzt.

Der Schwerpunkt ihrer Kampagne lag darauf, dass die Arbeiterklasse ihre politische Unabhängigkeit vom kapitalistischen Zweiparteiensystem gewinnen und einen politischen Kampf sowohl gegen die Nixon-Regierung als auch gegen die Demokratische Partei aufnehmen müsse. In der Erklärung heißt es weiter:

Wir kämpfen dafür, den großen Hass, den die Arbeiter auf Nixon hegen, zum Ausdruck zu bringen und ihm eine politische Richtung zu geben. Dieser Hass richtet sich nicht nur gegen Nixon, sondern auch gegen die Demokraten. Keine der beiden Parteien kann im Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Lohnkürzungen und Inflation eine Alternative bieten. Ich kandidiere, um zu entlarven, was diese Parteien wirklich vertreten, nämlich die großen Konzerne.

Die 23-jährige Trotzkistin forderte die amtierende demokratische Abgeordnete Shirley Chisholm heraus, die 1972 für Schlagzeilen gesorgt hatte, als sie sich als erste schwarze Frau um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten beworben hatte. Helen erklärte:

Seit Chisholm im Amt ist, haben sich die Bedingungen in Bedford-Stuyvesant nur verschlechtert. Alle Armutsprogramme, die sie und die Demokraten so vehement vorbrachten, einschließlich der Stadtmodelle, sind praktisch vollständig verschwunden.

Unser Wahlkampf (...) ist kein Protest für Arbeitsplätze oder bessere Bedingungen, sondern wir bauen tatsächlich eine neue Führung in der Arbeiterklasse auf. Nur unsere Bewegung tritt diesem bankrotten kapitalistischen System mit einer sozialistischen Politik entgegen. Wir haben keine Illusionen, dass dieses System reformiert werden könne. Deshalb kämpfen wir für den Aufbau einer Labor Party (Arbeiterpartei), um die Arbeiterklasse an die Macht zu bringen.

In dieser Periode folgte die Workers League noch dem Aufruf Trotzkis, der in den 1930er Jahren, nach der Gründung der CIO-Gewerkschaften, gefordert hatte, die Massenbewegung der Arbeiterklasse müsse ihre politische Gestalt im Aufbau einer Labor Party auf der Grundlage der Gewerkschaften finden. Später, nachdem sich die Gewerkschaften in korporatistische Institutionen verwandelt und sich den Konzernen und dem kapitalistischen Staat völlig untergeordnet hatten, änderte die Workers League die Form ihres Kampfs für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse. Sie wandelte die League in die Socialist Equality Party um, gab die Forderung nach einer Labor Party auf und stellte der Arbeiterklasse und der Jugend unmittelbar die Aufgabe, die SEP als revolutionäre Führung aufzubauen. Genossin Helen unterstützte diese Wende voll und ganz und setzte sich dafür ein.

Der Konflikt mit Tim Wohlforth

Ein wichtiger Wendepunkt in Helens politischer Entwicklung war Tim Wohlforths Flucht aus der Workers League. Wohlforth, der ihr erster nationaler Sekretär gewesen war, verlor seinen politischen Kompass, als die Bewegung gegen den Krieg in Vietnam nach Unterzeichnung des Friedensvertrags im Januar 1973 in sich zusammenbrach.

Wohlforth erhob seine Lebensgefährtin Nancy Fields in die Rolle einer effektiven Co-Führerin der Workers League, obwohl sie keine Ahnung von marxistischer Theorie und trotzkistischen Prinzipien hatte. Von Mitte 1973 bis zum Sommer 1974 führten Wohlforth und Fields in der Workers League eine zerstörerische Kampagne. Gleichzeitig verheimlichten sie vor der Workers League und dem Internationalen Komitee Nancy Fields‘ enge familiäre Beziehungen zu einem hochrangigen CIA-Agenten.

Als der Parteivorstand der Workers League im August 1974 von diesem erschütternden Sicherheitsverstoß erfuhr, setzte er Wohlforth als nationalen Sekretär ab und suspendierte Fields bis zum Abschluss einer Untersuchung. Beide weigerten sich jedoch, an den Ermittlungen mitzuwirken, verließen die Partei, leugneten, dass es irgendwelche Bedenken um die Sicherheit der Bewegung gegeben habe, und traten der Socialist Workers Party wieder bei, mit der Wohlforth 1964 gebrochen hatte.

Helen Halyard nahm an jener Vorstandssitzung teil und unterstützte den politischen Kampf, um die Partei entschieden an der Arbeiterklasse auszurichten und den Kampf gegen den antitrotzkistischen Revisionismus der Pablisten, der im Mittelpunkt des Konflikts mit Wohlforth stand, mit neuer Kraft aufzunehmen.

Im Lauf des Kampfs gegen Wohlforths Opportunismus machte Helen eine höchst bedeutsame politische Entwicklung durch. Sie entwickelte sich zu einer zentralen Führungspersönlichkeit der Partei. Sie nahm im Mai 1975 am Sechsten Kongress des Internationalen Komitees teil, der die Einleitung der Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“ beschloss. Das IKVI gab den Anstoß zu dieser Untersuchung, nachdem Wohlforth und der damalige politische Führer der SWP, Joseph Hansen, die Sorge um die Sicherheit vor staatlicher Infiltration und Überwachung als „Paranoia“ abgetan hatten.

Helen war eine Persönlichkeit nicht nur in der nationalen, sondern auch in der internationalen Führung. Sie trug maßgeblich dazu bei, das IKVI zur internationalen Partei zu entwickeln. Sie reiste viel und lernte viele IKVI-Führungsgenossinnen und -genossen kennen, arbeitete eine Zeit lang in der britischen Sektion und nahm an Treffen und Konferenzen in Übersee teil.

In den ersten Jahren ihrer politischen Tätigkeit lernten tausende Arbeiterinnen und Arbeiter in New York City sie kennen, als die Workers League ihre Aktivitäten in der Arbeiterklasse vor allem auf den öffentlichen Nahverkehr, die Brooklyn Navy Yard und Brooklyn Union Gas konzentierte. Helen war eine gute Rednerin, die an den Parteiversammlungen und -kundgebungen einen großen Einfluss auf Arbeiter und Jugendliche ausübte.

Der Fall Gary Tyler

Zu ihren wichtigsten Interventionen gehörte der Kampf um Gary Tyler, der im Alter von 16 Jahren in Louisiana wegen der Erschießung eines 13-jährigen weißen Jugendlichen angeklagt wurde. Ein weißer Mob hatte einen Schulbus angegriffen, der Schülerinnen und Schüler zu der erst kurz zuvor integrierten Destrehan High School brachte. Eine ausschließlich weiße Jury verurteilte Tyler daraufhin zum Tode.

Die Young Socialists machten den Fall in den gesamten Vereinigten Staaten bekannt, verteilten zehntausende Flyer und Tausende Exemplare einer Broschüre, die den Fall erläuterte, und gewannen die Unterstützung breiter Schichten der Arbeiterklasse, darunter auch Gewerkschaftsführer, die viele Millionen Menschen vertraten.

Helen während einer Rede auf dem Fünften Nationalkongress der Young Socialists in Detroit, 5. Juni 1976

Die Kampagne gipfelte 1976 in einem Marsch durch Harlem, an dem Hunderte von Jugendlichen teilnahmen. Helen und Tom Henehan (ein führendes Mitglied der Workers League, das im Oktober 1977 bei einem politischen Attentat ums Leben kam) leiteten diese Kampagne. Helen entwickelte eine enge Beziehung zur Familie Tyler, insbesondere zu Garys Mutter Juanita. Helen besuchte sie in Destrehan, und Juanita Tyler besuchte eine Konferenz der Young Socialists in Detroit, auf der Gary Tylers Verteidigung im Mittelpunkt stand.

Als der Oberste Gerichtshof der USA 1976 ein Urteil fällte, das die Todesstrafe wieder einführte, aber Gesetze mit obligatorischem Strafmaß wie in Louisiana aufhob, wurde Gary aus dem Todestrakt entlassen. Er blieb 41 Jahre lang im Gefängnis! Dies trotz der gerichtlichen Feststellung, dass seine ursprüngliche Verurteilung verfassungswidrig war. Erst 2016 wurde er freigelassen, nachdem der Oberste Gerichtshof lebenslange Haftstrafen ohne Bewährung für Personen, die wie Gary als Jugendliche verurteilt worden waren, aufgehoben hatte.

Zum Jahreswechsel 1978–1979 verlegte die Workers League ihr Parteizentrum von New York City nach Detroit, und Helen selbst zog nach Detroit um. Dort nutzte sie jede Gelegenheit, um den Kampf für den Sozialismus unter Automobilarbeitern von GM, Ford und Chrysler, sowie unter anderen Gruppen von Industriearbeitern aufzunehmen. Schon bald war sie in Detroit weitherum unter Arbeiterinnen und Arbeitern bekannt und geachtet.

Als die Partei die Stelle eines stellvertretenden nationalen Sekretärs einrichtete, war es naheliegend, Helen mit dieser Aufgabe zu betrauen. Diese Funktion erforderte eine Kombination aus unermüdlicher Energie, tiefer Verbundenheit mit dem Parteikader, einer gründlichen Kenntnis des Parteiprogramms und des politischen Erbes, sowie politischer Reife und Entschlossenheit. Helen verfügte über all diese Eigenschaften. Sie leitete mehr als 30 Jahre lang die tagtägliche Parteiarbeit.

Dies war besonders in den 1980er Jahren wichtig, als die Partei eine entscheidende Rolle im Kampf gegen den Verrat am Trotzkismus durch die Führer der Workers Revolutionary Party in Großbritannien – Gerry Healy, Michael Banda und Cliff Slaughter – spielte. Die britische Sektion, die 1963 den Kampf gegen die prinzipienlose Vereinigung der US-amerikanischen Socialist Workers Party mit den Pablisten angeführt hatte, driftete im Laufe der 1980er Jahre stark nach rechts ab.

David North, der nationale Sekretär der Workers League, übte 1982 die erste Kritik an Healys Bruch mit dem Marxismus. Er stand an der Spitze des Kampfs gegen den offenen Opportunismus und die Abkehr von Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution, die schließlich in der Spaltung des Internationalen Komitees 1985–1986 zum Ausdruck kamen. Dieser Kampf gipfelte im Sieg der trotzkistischen IKVI-Mehrheit und der Niederlage von Healy, Banda und Slaughter, die alle die revolutionäre Politik aufgegeben hatten.

Helen unterstützte diesen politischen Kampf. Sie wurde zur treibenden Kraft in der Workers League, wenn es darum ging, in der amerikanischen Arbeiterklasse für sozialistische Prinzipien zu kämpfen. Als stellvertretende nationale Sekretärin hatte Helen immer den Finger am Puls der Partei. Sie stürzte sich in die tagtägliche Arbeit des Parteiaufbaus und scheute sich nicht, es mit den Schwierigkeiten aufzunehmen, mit denen die Genossen – ob neue Mitglieder oder Veteranen – konfrontiert waren.

Dabei senkte sie nicht ihren politischen Maßstab, sondern sie lenkte die Aufmerksamkeit auf die revolutionären Möglichkeiten, die aktuell vorhanden waren. Zu keiner Zeit ließ sie Anzeichen von Entmutigung erkennen. Sie schätzte Schwierigkeiten durchaus realistisch ein, wischte sie nicht beiseite oder ging Kompromisse ein, sondern nahm den Kampf dagegen auf, sei es, um jemanden zu einer Spende zu bewegen oder das Niveau der Arbeit eines Parteimitglieds auf die Höhe anzuheben, die die politische Situation erforderte. Sie überzeugte durch Aufklärung und Beispiel.

Helen mit Gary Tyler, Jerry White und Larry Porter vor einem von Garys Kunstwerken, die in Detroit ausgestellt sind, 8. Juli 2023
Helen als Kandidatin der Partei

Helens Fähigkeit, einen geduldigen, aber unnachgiebigen Kampf zu führen, zog sich wie ein roter Faden durch ihre gesamte Arbeit. Sie konnte alle ansprechen, besonders Arbeiterinnen und Arbeiter jeglicher Hautfarbe, Geschlechts oder Alters. Dies machte sie zu einer hervorragenden öffentlichen Repräsentantin der Partei. Sie erfüllte diese wichtige Aufgabe in den Wahlkämpfen für den Kongress 1974 und 1976 sowie für die Vizepräsidentschaft 1984, als die Workers League zum ersten Mal in einem nationalen Wahlkampf auftrat. Der Präsidentschaftskandidat war Ed Winn, ein sozialistischer Verkehrsarbeiter aus New York City, der der Partei während der Verteidigungskampgange für Gary Tyler beigetreten war. 1985 war Helen die Kandidatin der Partei für das Amt des Bürgermeisters von Detroit.

Helen mit Ed Winn und Mitgliedern der Young Socialists im US-Präsidentschaftswahlkampf unter einer Überführung zum Fordwerk River Rouge, 1984

1992 war Helen selbst die Kandidatin der Workers League für das Amt des US-Präsidenten. Dies war die erste Präsidentschaftswahl nach dem Zusammenbruch des Stalinismus in der Sowjetunion und in Osteuropa, als sich der historische Bankrott des pablistischen Revisionismus, gegen den die Workers League immer gekämpft hatte, klar erwiesen hatte. Der Stalinismus war nicht, wie Pablo und Mandel behaupteten, eine fortschrittliche Kraft, die den Imperialismus bekämpfen und besiegen konnte. Er war vielmehr die Agentur des Imperialismus innerhalb des ersten Arbeiterstaats, und seine konterrevolutionäre Rolle gipfelte in der Auflösung der UdSSR und der Restauration des Kapitalismus.

Helen im Gespräch mit einem Fabrikarbeiter, Februar 1992

Weit davon entfernt, „das Ende der Geschichte“ zu sein, wie Theoretiker und Apologeten des Weltkapitalismus behaupteten, öffnete der Zusammenbruch der UdSSR den Weg für eine Wiederbelebung des imperialistischen Militarismus in kolossalem Ausmaß. Dies begann mit dem Golfkrieg, in dem die Vereinigten Staaten den größten Teil der irakischen Armee zerstörten und Kuwait zurückeroberten, obwohl sie damals von einem direkten Marsch auf Bagdad noch zurückschreckten. Dies war noch sechs Monate vor der offiziellen Auflösung der UdSSR, deren Ende jedoch schon absehbar war.

Diese großen historischen Fragen bildeten den Rahmen für den Wahlkampf der Workers League 1992, der vor allem eine internationale Kampagne war. Es ging nicht nur darum, die trotzkistische Partei in Amerika, sondern das Internationale Komitee als Ganzes aufzubauen. Genossin Helen brachte den Wahlkampf der Workers League nach Europa, Südasien und Australien. Sie war besonders stolz darauf, dass die größten Versammlungen, auf denen sie während dieser Herbstkampagne sprach, in Sri Lanka stattfanden. Dort sprach sie zu Unterstützern, die die srilankische Sektion des IKVI in Colombo und Kandy gewonnen hatte.

Helen Halyard bei einer Rede in Brisbane, Australien, auf der letzten Etappe ihrer Welttournee im Präsidentschaftswahlkampf, November 1992

Helen nahm an allen Kampagnen der Workers League und der Socialist Equality Party teil. Dazu gehörte auch die Untersuchung des Brandes in der Mack Avenue im Jahr 1993. Diese Untersuchung wurde organisiert, um die schrecklichen Wohnverhältnisse und die Armut in Detroit sowie die tödlichen Auswirkungen von Stromabschaltungen aufzudecken. Bei einem Hausbrand waren sieben Kinder ums Leben gekommen, und die Stadtverwaltung stellte ihre Eltern als Sündenböcke hin und verfolgte sie. Helen war eine von sechs Kommissaren, die eine Bürgeruntersuchung leiteten. Sie klagten das kapitalistische System und das Establishment der Demokratischen Partei an, das Detroit seit langem kontrollierte, und forderten ein Ende der Stromabschaltungen – die unmittelbare Brandursache – und die Bereitstellung lebenswichtiger Güter wie Strom, Wärme und Wasser als grundlegende Menschenrechte für alle.

Von der Workers League zur SEP und zur WSWS

1995 fasste die Workers League den Beschluss, die Socialist Equality Party zu gründen. Diese Umwandlung bedeutete mehr als eine Namensänderung. Sie beendete die Zeit, in der die Partei sich darauf konzentriert hatte, Forderungen an die Gewerkschaften zu stellen, um deren bürokratische Führer zu entlarven. Die SEP erklärte den Arbeiterinnen und Arbeitern, dass die alten Organisationen nicht mehr in der Lage waren, Reformen durchzuführen oder auf den Druck der Basis zu reagieren. Sie waren zu bürokratischen Hüllen geworden, die nur auf das Diktat und die Bedürfnisse der kapitalistischen herrschenden Elite reagierten, die durch die Demokratische Partei vermittelt wurden. Die Arbeiter mussten neue Organisationen aufbauen und der SEP beitreten, um diesen Kampf führen zu können.

Zwei Jahre später reagierten die SEP und ihre Schwesterparteien im Internationalen Komitee auf die Möglichkeiten, die sich durch die Ausbreitung von Computertechnologie und Internet eröffneten. Sie gründeten ein gemeinsames globales Organ, die World Socialist Web Site. Seither ersetzt die WSWS, die von der politischen und redaktionellen Arbeit aller IKVI- Sektionen getragen wird, die gedruckten Zeitungen, die die verschiedenen Sektionen bis dahin separat herausgaben. Heute ist die WSWS zur meistgelesenen sozialistischen Publikation der Welt und zur maßgeblichen Stimme des Trotzkismus geworden, und selbst ihre erbitterten Feinde erkennen dies an.

Bei diesen beiden Entwicklungen spielte Genossin Helen eine wichtige Rolle. Sie blieb bis 2008 stellvertretende nationale Sekretärin und leitete einen Großteil der praktischen politischen Arbeit, einschließlich des Eingreifens der Partei bei den Massenprotesten gegen den Irakkrieg im Jahr 2003. Sie setzte sich weiterhin für die Verteidigung politischer Gefangener ein und schrieb ausführlich über den Fall von Mumia Abu-Jamal, sowie allgemein über Fragen des schwarzen Nationalismus und über die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung.

Aufgrund zunehmender gesundheitlicher Probleme trat Helen 2008, am Gründungskongress der SEP, als stellvertretende nationale Sekretärin in den Vereinigten Staaten zurück, blieb aber im Parteivorstand und spielte weiterhin eine wichtige Rolle in der politischen Führung.

Erst in ihren letzten Lebensjahren, nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2020, sah Helen sich gezwungen, ihre aktive Teilnahme an der öffentlichen politischen Arbeit einzuschränken. Dabei verfolgte sie diese weiterhin aus der Ferne und beteiligte sich aktiv an Bildungs- und Spendensammelaktionen, wo sie sich besonders auszeichnete.

Helens Persönlichkeit entsprach den besten Traditionen der afroamerikanischen Arbeiterklasse, die sich unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917 der Kommunistischen Partei angeschlossen hatte. Sie war sehr kultiviert, gut belesen und besonders in der Literatur der Harlem Renaissance der 1920er Jahre bewandert, die ihrerseits stark von der Russischen Revolution beeinflusst war. Auch mit den späteren Entwicklungen unter den schwarzen Intellektuellen war sie vertraut. Ihre eigenen Beiträge, wie etwa ein Essay über „Ebonics“ (die angebliche „schwarze Sprache“, die von der Schulbehörde in Oakland, Kalifornien, eingeführt worden war) brachten deutlich ihre Ablehnung der von den Nationalisten propagierten kulturellen Rückständigkeit zum Ausdruck.

Den Kadern der trotzkistischen Bewegung brachte Helen größten Respekt entgegen, sowohl denjenigen, die wie sie selbst in den frühen 1970er Jahren für den Trotzkismus gewonnen wurden, als auch neueren Leuten, die gerade erst in die Politik eintraten und bei ihr nach Orientierung suchten. Vor allem respektierte sie die relative Handvoll älterer Mitglieder der Vierten Internationale, die den Verrat des Stalinismus und Pablismus überlebt hatten.

Dies zeigte sich insbesondere in Bezug auf Jean Brust, die zusammen mit ihrem Ehemann Bill zu den wenigen Mitgliedern der Socialist Workers Party gehörte, die als Veteranen der großen Arbeiterkämpfe der 30er und 40er Jahre ein Leben lang führende Mitglieder der weltweiten trotzkistischen Bewegung blieben. Als Jean, damals 76 Jahre alt, 1997 mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, zog Helen für einige Monate nach Minneapolis, um sich um ihre Pflege zu kümmern. Später organisierte sie in den Zwillingsstädten die Gedenkveranstaltung für Jean Brust und erinnerte dort an ihre lebenslange Aktivität – mehr als 60 Jahre – in der trotzkistischen Bewegung.

Helen mit dem sowjetischen Historiker Vadim Rogovin in Detroit, 22. Februar 1995

Die gleiche Einstellung brachte Helen Nadeschda Joffe entgegen, der Tochter von Adolph Joffe, dem sowjetischen Diplomaten und engen Vertrauten Leo Trotzkis. Aus Protest gegen Trotzkis Ausschluss aus der Kommunistischen Partei der Sowjetunion hatte Adolph Joffe im Jahr 1927 Suizid begangen. Nadeschda Joffe besuchte die Vereinigten Staaten anlässlich der Veröffentlichung ihrer 1993 bei Mehring Books erschienenen Memoiren, „Back in Time, My Life, My Fate, My Epoch“ (Deutsch: „Rückblende. Mein Leben, mein Schicksal, meine Epoche“). Dies sind die einzigen Memoiren, die in der Sowjetunion nach Stalin von einem überlebenden Mitglied der Linken Opposition geschrieben wurden.

Nachdem Helen und die SEP in New York City eine Buchvorstellung organisiert hatten, schenkte Nadeschda Joffe ihr ein signiertes Exemplar des Buchs mit der Widmung: „Helen, mit Grüßen und Dankbarkeit, von der Autorin N. Joffe“. Helen bewahrte diesen Band an einem besonderen Platz unter ihren vielen Büchern auf.

Abschließend ist es am besten, Helen selbst zu Wort kommen zu lassen, denn sie hat sich stets klar und prägnant geäußert. In ihrer Rede auf der Dringlichkeitskonferenz gegen Krieg, die die SEP und die IYSSE am 31. März und 1. April 2007 in Ann Arbor (Michigan) organisierten, hielt sie den folgenden Beitrag:

Helen Halyard

Die Frage nach unserer langfristigen Strategie und ihrem Verhältnis zu unseren aktuellen Aktivitäten wurde aufgeworfen. Unsere langfristige Strategie ist die Abschaffung des Kapitalismus und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft. Es gibt keine einfachen Antworten auf die Probleme und die Bedingungen der Unterdrückung, mit denen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt konfrontiert sind, ob es sich nun um den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, den Kampf gegen den imperialistischen Krieg oder den Kampf gegen die Angriffe auf demokratische Rechte handelt. Es gibt keine Antworten außerhalb der unabhängigen Mobilisierung der Arbeiterklasse.

Die Arbeiterklasse ist die einzige Klasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, die aufgrund ihrer Beziehung zu den Produktionsmitteln nicht an die Verteidigung des Nationalstaats gebunden ist. Die arbeitenden Menschen haben ein enormes Potenzial, die Gesellschaft zu verändern und die Produktionsmittel zu kontrollieren, und es ist unsere Aufgabe, ihnen das bewusst zu machen. Dazu müssen wir, wie andere Redner schon sagten, die Lehren aus früheren Kämpfen ziehen. Wir müssen die Lehren aus den strategischen Erfahrungen der Menschenmassen im Laufe des 20. Jahrhunderts ziehen.

Als ich in das politische Leben eintrat, geschah dies im Zuge der massiven Bürgerrechtskämpfe in den Vereinigten Staaten, die Zehntausende schwarzer Jugendlicher radikalisierten und sie in den Widerstand gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Rassismus trieben. Sie beteiligten sich an dieser Bewegung, um die Bedingungen sowohl des Rassismus als auch der wirtschaftlichen Unterdrückung zu ändern.

Die kleinbürgerliche Führung, die die Bürgerrechtsbewegung anführte, trennte den Kampf gegen den Rassismus von seiner Quelle im bestehenden Wirtschaftssystem des Kapitalismus. Sie sagten, es sei möglich, die Dinge zu ändern, nicht indem man dem System ein Ende setze, sondern indem man es reformiere. Die Auswirkungen dieser Sichtweise liegen auf der Hand. Wer waren die Nutznießer der Politik der affirmative action?

In den letzten 30 Jahren hat es eine enorme Verschiebung in der schwarzen Bevölkerung gegeben, wobei eine winzige Schicht sich bereichert hat und in den bestehenden politischen Strukturen sehr aktiv geworden ist. Zu dieser Schicht gehören extrem rechte politische Personen wie Condoleezza Rice, Clarence Thomas und Colin Powell. Gleichzeitig sind die Bedingungen für schwarze Arbeiter und Jugendliche in den Innenstädten gleich geblieben und sie haben sich in einigen Fällen sogar noch verschlechtert. Diese Ungleichheit ist das Ergebnis einer Perspektive, die davon ausgeht, dass man Ungleichheit bekämpfen könne, ohne sich mit den sozialen Bedingungen zu befassen, die sie herbeigeführt haben.

Auf dieser Konferenz wurde die Frage nach praktischen und unpraktischen Lösungen aufgeworfen, und bei der Beantwortung dieser Frage ist es von entscheidender Bedeutung, zu verstehen, dass die einzige praktische Lösung für die Probleme in der unabhängigen politischen Mobilisierung der Arbeiterklasse besteht. Jeder Versuch, eine Abkürzung für diese Probleme zu finden, wird unweigerlich dazu führen, die historischen Interessen der Massen der arbeitenden Menschen zu verraten.

In der Resolution heißt es: „Im Kampf für dieses Programm müssen sich die Arbeiter und Jugendlichen international auf den Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse stützen, im Gegensatz zu jenen Parteien und Tendenzen, die versuchen, den Widerstand in der Bevölkerung auf die eine oder andere Weise in die sicheren Kanäle des politischen Establishments zu lenken.“ Dies ist ein äußerst wichtiges Konzept, und es muss zusammen mit den anderen Teilen der Resolution in die Entwicklung einer politischen Bewegung der internationalen Arbeiterklasse einfließen. Und diese Bewegung muss sich auf die historischen Erfahrungen der Arbeiterklasse stützen.

Das ist die Perspektive, der Helen Halyard ihr Leben gewidmet hat. Und für diese Perspektive werden die Socialist Equality Party und das Internationale Komitee der Vierten Internationale weiterkämpfen.

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